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Archiv für die Kategorie ‘Rezension & Rezeption’

Medien im Oktober 09

7. Oktober 2009 Keine Kommentare

Artikel mit Bezug zur Vier-in-einem-Perspektive:

Zeitschrift Luxemburg: Gut leben. Abschied von der »Macho-Ökonomie«
Mädchenmannschaft: Das bedingungslose Grundeinkommen: Chancen und Risiken aus feministischer Sicht
iz3w – informationszentrum 3. Welt – Ausgabe Nr. 314 – September/Oktober 2009: Rezension über “Die Vier-in-einem-Perspektive”

Immer diese Widersprüche

18. September 2009 Keine Kommentare
Quelle: diestandard.at
16. September 2009, 18:49

Mit der Textsammlung “Die Vier-in-einem-Perspektive” hat die marxistisch-feministische Soziologin Frigga Haug ihrem (Arbeits-)Zeitmodell ein sehr lesenswertes Denkmal gesetzt

Zwischen “magischem Zentrum” des Lebens und grundlegendster Form der Ausbeutung des Menschen – die Pole, in denen über das Prinzip Arbeit gedacht und geschrieben wird, könnten nicht weiter auseinanderliegen. Für gewöhnlich nehmen AutorInnen einen Standpunkt ein mit dem unbedingten Willen, die sich auftuenden Widersprüche aus dem Weg zu räumen.

Lust und Faulheit

Doch was passiert, wenn man diese Widersprüche produktiv nutzt und sie als Ausgangspunkt des Weiterdenkens verwendet? Die linke Feministin und Soziologin Frigga Haug (Jahrgang 1937) zeigt in ihrem neuesten Werk “Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke” (2008), dass die Auseinandersetzung mit Widersprüchen und Grenzüberschreitungen notwendige Voraussetzung für emanzipatorisches Denken und Politik ist. Um dies zu beweisen, lässt uns die Autorin nicht nur theoretische Widersprüche aufrollen, sondern gewährt auch Einblicke in ihre Arbeitsbiographie, in der zum Beispiel Milch holen einmal das Glück auf Erden bedeutete. Es verlieh einem kleinen, neugierigen Mädchen Zugang zur Welt und Bedeutung, und doch verlor es nach einigen Widerholungen jeglichen Reiz und wurde zur (vermeidenden) Pflicht.

Diese Widersprüchlichkeit in der Selbsterfahrung von Arbeit hat das Schaffen der marxistischen Feministin und Sozialwissenschafterin dauerhaft geprägt, wie wir in dem Text “In der Arbeit zuhause sein?” nachlesen können. Nicht weniger erfahren wir darin über den Arbeitsbegriff bei Marx, dessen Satz “Arbeit als erstes Lebensbedürfnis” leichtfüßig als instrumentalisiertes Missverständnis entblättert wird oder über die Ansprüche der jungen Disziplin der kritischen Psychologie, in der erstmals Arbeit als grundlegende Dimension einer psychologischen Subjekttheorie betrachtet wurde.

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Zur Person:

Frigga Haug war bis 2001 Professorin an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Sie ist Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift “Das Argument”, Redakteurin des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus und des Forum Kritische Psychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Politik, Arbeit, weibliche Vergesellschaftung und Frauenpolitik, sozialwissenschaftliche Methoden und Lernen.

Aufbau

Jener Text ist nur einer in Haugs Leseband, der weit ausholt, um Konkretes zu entschlüsseln. In “Die Vier-in-einem-Perspektive” sind bereits veröffentlichte Texte bzw. Vorträge rund um die vier Kernbereiche ihrer politischen Theorie geordnet. Haug fordert darin die Verabschiedung von der Vollerwerbszeit hin zu einem vierteiligen, emanzipatorischen Lebenszeitkonzept: Zeit für Erwerbsarbeit, Reproduktion, Kultur und Politik steht damit für alle als Utopie und zugleich höchst konkret als Lebensmodell im Raum.

Vier Lebensbereiche

Als “Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist” untertitelte Haug ihre Rede bei der Frauenwerkstatt der Linken in Deutschland, die sich ebenfalls im Band befindet. Ausgehend von der feministischen Einsicht, die herkömmliche Arbeitsteilung als Herrschaft zu begreifen, möchte sie genau diese verändern: Ihr Modell sieht vier Stunden Erwerbsarbeit vor, um die notwenigen “Lebensmittel” zu erzeugen und den Zugang zur Welt offen zu halten. Unter Reproduktionsarbeit versteht sie die Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen (Kindererziehung, Familienarbeit, Altenbetreuung), die für beide Geschlechter zu gleichen Teilen gilt. Mit dem Überbegriff Kultur wird jener Zeitteil bezeichnet, der für die Entwicklung der eigenen Interessen reserviert ist und der es ermöglichen soll, das Leben nicht nur als KonsumentIn zu genießen und neue Vorstellungen von gutem Leben hervorzubringen. Schließlich ist auch noch Zeit dafür vorgesehen, um in die Gestaltung von Gesellschaft einzugreifen, also das linke Versprechen der Politik von unten zu verwirklichen.

Im Vorwort betont Haug, dass sie die Zusammenstellung als Lernprozess versteht, den sie den LeserInnen zur Nachverfolgung anbietet. Vor den vier großen Kapiteln begründet sie jeweils ihre Auswahl und kontextualisiert die Texte in ihrer politischen oder wissenschaftlichen Bedeutung. Einige der Texte sind zum Teil 30 Jahre alt, andere beschäftigen sich mit aktuellen Themen wie Hartz IV oder den Paradoxien aktueller institutionalisierter Frauenpolitik. Dazwischen finden sich auch persönliche Erfahrungen der Autorin, etwa in “Patientin im neoliberalen Krankenhaus”, wo sich das Angebot von Brustimplantaten auf Krankenkasse noch als einzig verbliebenes Zeugnis gesellschaftlichen Mitgefühls offenbart.

Kompass für politische Nahziele

Ziel der Auswahl ist es, die nötigen Grenzüberschreitungen bei der Analyse der einzelnen Teilgebiete zu veranschaulichen. Eine Erfahrung bisheriger Protestbewegungen sei es schließlich gewesen, mit dem jeweiligen Problemlösungsansatz partiell geblieben zu sein, kritisiert Haug. Und in der Politik habe die Beschäftigung mit einzelnen Politikbereichen zum Teil reaktionäre Blüten getrieben. Der integrative Ansatz von Haug wagt die “politische Kunst der Verknüpfung”: “Keiner sollte ohne die anderen verfolgt werden, was eine Politik und zugleich eine Lebensgestaltung anzielt, die zu leben umfassend wäre, lebendig, sinnvoll, eingreifend und lustvoll genießend”. An die unmittelbare Umsetzbarkeit ihrer Utopie glaubt Haug selbst nicht, sie will ihr Modell viel mehr als Kompass verstanden wissen zur “Bestimmung von Nahzielen in der Politik, (…), als konkrete Utopie, die alle Menschen einbezieht und in der endlich die Entwicklung jedes Einzelnen zur Voraussetzung für die Entwicklung aller werden kann”.

“Die Vier-in-einem-Perspektive” ist ein Lese-Buch im besten Sinn, weil es neben theoretischer Fundiertheit auch mit sprachlicher Vielfalt und Humor brilliert. Haug verknüpft persönliche Einsichten mit politischen Fragestellungen und lässt die LeserIn transparent und ohne abschottender Distanz an ihrer Denkweise teilhaben. Die Lust am (Weiter-)Denken ergibt sich bei dieser Darstellung eines Lebens aus lauter Alternativen – fast wie von selbst. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 16.9.2009)

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Publikation der Woche

28. Mai 2009 Kommentare ausgeschaltet
Quelle: Nachhaltigkeit.at

Die Vier-in-einem-Perspektive

Frigga Haug rückt in ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ die Utopie einer gerechten Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesenarbeit und Entwicklungschancen ins Zentrum der Betrachtung.

In den sechs Kapiteln „Entwurf“, „Erwerbsarbeit“, „Reproduktionsarbeit“, „Kulturelle Entwicklung“, „Politik von unten“ und „Nachträgliche Fundierung“ widmet sie sich u.a. folgenden Themen:

  • Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist
  • In der Arbeit zu Hause sein?
  • Arbeitspolitische Terrainverschiebung
  • Die Neue Mitte – Bewegungsmöglichkeiten im Neoliberalismus
  • Der Weg, der in die Welt, nicht ins Haus führt
  • Zeit für mich. Über das Privatisieren
  • Frauen – Opfer oder Täter?
  • Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus
  • Frauenquote und Gender-Mainstreaming. Paradoxien feministischer Realpolitik
  • Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse

Zur Autorin:
Frigga Haug war bis 2001 Professorin an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik. Sie ist Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift Das Argument, Redakteurin des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus und des Forum Kritische Psychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Politik, Arbeit, weibliche Vergesellschaftung und Frauenpolitik, sozialwissenschaftliche Methoden und Lernen. (Quelle: Argument Verlag)

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Eine Arbeitswelt, für die es sich zu kämpfen lohnt

21. Mai 2009 Kommentare ausgeschaltet

Grüne Bildungswerkstatt Wien

A-1070 Wien, Neubaugasse 8

TextePolitik & ÖkonomieKapitalismus-Kritik / 28.04.2009 / Philip Taucher

Eine Arbeitswelt, für die es sich zu kämpfen lohnt

Frigga Haug bietet mit ihrer Vier-in-einem-Perspektive Orientierungspunkte für solch einen Kampf. In Wien diskutierte sie diese mit  politischen AktivistInnen im Rahmen des Lesekreises Die feministische Neudefinition von Arbeit und einer Buchvorstellung (Eine neue Utopie des Arbeitens – die Vier-in-einem-Perspektive).


Wir  überarbeiten uns und gleichzeitig produzieren wir Arbeitslosigkeit. So rastlos wir durch unser Erwerbsleben eilen, so teilnahmslos beäugen wir die politischen Entwicklungen um uns. Wir wetteifern im Rennen um die besten Bildungstitel und nehmen es gleichzeitig hin, dass viele Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung weder ausreichend lesen noch schreiben können. Die meist unbezahlte Hausarbeit schätzen wir kaum. Jenen, die nicht von der eigenen, sondern von der Arbeit anderer – von ihrem Vermögen – leben, bringen wir dagegen Bewunderung entgegen.

Die Widersprüche unserer derzeitigen Arbeitswelt schreien nach einer Alternative. Frigga Haug benennt in ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ diese Widersprüche und bietet eine Alternative.  Die Sozialwissenschafterin und wesentliche Mitstreiterin feministischer Bewegungen versammelt darin Beiträge aus den letzten 30 Jahren ihrer politischen und wissenschaftlichen Arbeit. Damit knüpft sie an begonnene politische Kämpfe an, wenn sie ihre Orientierungspunkte für eine zukünftige Arbeitswelt entwirft.

Viermal täglich arbeiten

Haug geht es um eine radikale Umverteilung und einen erweiterten Begriff von Arbeit. Die Erwerbsarbeit solle nicht mehr allein im Vordergrund stehen. Gleich viel Zeit und Energie solle jeweils drei weiteren Bereichen der menschlichen Arbeit zukommen:

  • erstens,  der gemeinsamen Gestaltung der Gesellschaft – dem politischen Arbeiten
  • zweitens, der Entwicklung und Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten – der Selbstentwicklung
  • und drittens, der Familien-, Haus-, Erziehungs-, Pflege- und Gemeinschaftsarbeiten, sowie der Arbeiten an der Natur – der Sorge-Arbeiten

Diese vier Bereiche seien Haug zufolge nicht als von einander getrennt zu betrachten, sie fließen ineinander über. Alle Menschen sollten in allen vier Bereichen tätig sein. Dem entsprechend müsse Politik um die Arbeit immer alle  Bereiche berücksichtigen. In dieser “Vier-in-einem-Perspektive” müsse insgesamt weder mehr oder weniger gearbeitet werden, noch sei geringerer Wohlstand zu befürchten. Vielmehr bedürfe es nur einer Umverteilung und Neuorganisation jener Arbeiten, die bereits heute schon geleistet werden. Haug betont, dass sich mit dieser Perspektive Probleme wie Arbeitslosigkeit, Unvereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Einseitigkeit von Arbeit nicht mehr stellen würden.
Sie präsentiert die Vier-in-einem-Perspektive als ein Stück konkreter Utopie: Es sei eine Vision, die bei den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen ansetze. Und sie gebe Orientierung für den Kampf zur Veränderung dieser Verhältnisse.

Lesearbeit

Für die TeilnehmerInnen des von der Grünen Bildungswerkstatt Wien und GRAS (Grünalternative StudentInnen) organisierten Lesekreises verlangten Haugs fundierte theoretischen Überlegungen zu Marx, Luxemburg & Co einige Lesearbeit ab. Zur Veranschaulichung durchsetzte Haug diese Ausfühungen in ihrem Buch mit lebhaften Erinnerungen aus dem eigenen Leben und den Auseinandersetzungen in den feministischen Bewegungen. Wo Haug aus bekannten Volksmärchen ideologische wie befreiende Lehren über die Arbeit destillierte oder mit prägnanten Formulierungen mit der Ideologie der Hartz-Reformen in Deutschland abrechnete, wurde die Lesearbeit schnell zum Vergnügen.

Teilzeitarbeit für alle!

In der Diskussion mit Frigga Haug stand im Lesekreis wie auch bei der Buchvorstellung an der Technischen Universität in Wien der Kampf um eine neue Arbeitswelt im Vordergrund. So wie man die vier bereits genannten Arbeitsbereiche zusammendenken müsse, gelte es auch im politischen Kampf der ArbeiterInnenbewegungen, Ökologiebewegungen, feministischen Bewegungen, Lernbewegungen und den Kampf gegen politische Ausgrenzung zusammenzubringen, betonte Haug. Damit dieser Kampf für die Betroffenen positive Veränderungen bringe, müsse er von ihnen selbst, also von unten, geführt werden. Gerade jetzt müsse man jede Art der politischen Beteiligung der Menschen fördern, damit der Unmut nicht in politische Teilnahmslosigkeit zerfließe und immer größere Teile der Bevölkerung nach rechts abdriften, warnte Haug.

Die Forderung nach einer radikalen Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf vier Stunden pro Tag wäre vor dem Hintergrund der “Vier-in-einem-Perspektive” ein Anknüpfungspunkt für weitere Kämpfe. Eine solche Reduktion würde den Raum schaffen, auch alle anderen Arbeitsbereiche politisch zu thematisieren, argumentierten TeilnehmerInnen des Lesekreises. Haug legte dafür als Strategie nahe, was Rosa Luxemburg „revolutionäre Realpolitik“ nannte. Dabei gelte es eine Reformpolitik auf Basis der aktuellen Bedingungen zu verfolgen. Gleichzeitig müsse man an einer Vision festhalten, die das Fundament, auf dem die Reformpolitik steht, stets unsicher macht. Taktisch sei im bestehenden System zu kämpfen, jedoch strategisch an dessen Überwindung zu arbeiten. Dazu brauche es sowohl politische Arbeit in den Volksvertretungen und Medien, als auch den Arbeitskampf und die Androhung möglicher Gewalt von der Straße.

Dem Vorschlag aus dem Publikum, das bedingungslose Grundeinkommen als zentrale Forderung im Kampf um Arbeit einzubringen, begegnete Haug wie auch viele andere MitdiskudantInnen mit Skepsis. Die Forderung nach einem Grundeinkommen drohe für Haug zu einem Ruf nach „Brot und Spielen“ zu verkommen, wenn sie nicht mit Forderungen nach Mitbestimmung über den Produktionsprozess und der Umverteilung unbezahlter Sorge-Arbeit verbunden sei.

Abschließend rief Haug alle Anwesenden dazu auf, selbst an der Vier-in-einem-Perspektive weiterzuarbeiten, eigene Arbeitserfahrungen einzubringen und diesen „politischen Kompass“ weiter zu verbreiten.
Live-Mitschnitt der Diskussion auf Radio Orange

Literaturhinweis:

Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag (Hamburg) 2008.

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eine vernünftige utopie

2. Dezember 2008 Kommentare ausgeschaltet

P.S., die linke Zürcher Zeitung / Buchbeilage 13.3.08

Frigga Haug, die alte deutsche Feministin und Sozialistin, bündelt politische Lebenserfahrungen und wirkt dabei erstaunlich jung.

Hans Steiger

Sie bewundere Frigga Haug „wegen ihrer Unermüdlichkeit, ihre emanzipatorischen Ziele zu verfolgen“, schrieb Elfriede Jelinek zum 70. Geburtstag der auch im eigenen Umfeld oft gegen den Zeitgeist argumentierenden Autorin und Aktivistin. Bei einem Vortrag in Zürich, zu dem Frauen vom Revolutionären Aufbau eingeladen hatten, führte sie kürzlich vor, wie mit sorgfältigen Analysen aus Niederlagen und Irrtümern zu lernen ist. Was sie dort als Perspektive für eine gerechtere, am Ende für alle lebenswertere Zukunft skizziert hat, liegt nun – mit vielen zusätzlichen Materialien – in einem Buch vor. Eine lohnende Lektüre zwischen dem 8. März und dem 1. Mai!

Kompass für Linke

Wir brauchen dringend wieder „Visionen von einer anderen Gesellschaft“, denn die kapitalistische Orientierung an Profit und Wachstum hat die Welt in eine umfassende Krise geführt. Und zu einer Gesellschaft, in der „selbst das Überleben als Privatsache marginalisiert“ wird. Ein neuer Gesellschaftsvertrag, vorab ein Geschlechtervertrag, muss allen die Beteiligung in allen wichtigen Bereichen des Lebens öffnen: „in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit um sich und andere, in der Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schliesslich im politisch-gesellschaftlichen Engagement“. Je vier Stunden könnten für diese vernünftige Utopie das Richtmass sein. Natürlich nicht dogmatisch, „mit der Stechuhr“, zumal die Felder einander durchdringen und innerlich zusammenhängen. „Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche.“ Da unsere ganze Lebensweise zur Debatte steht, genügt dazu „die übliche Stellvertreterpolitik“ nicht. Das adressiert Frigga Haug als Mahnung auch an die neue deutsche Linkspartei. Ein bei der ersten Frauenwerkstatt gehaltenes Referat eröffnet den Band, der keine Wegbeschreibung sein will, aber dienlich als Kompass.

Die folgenden Analysen sind zum Teil älteren Datums. Einige davon waren als aktuell hintergründige Zeitkommentare im von der Autorin mitgeprägten „Argument“ zu lesen. Wie entlarvend etwa die Ausleuchtung des Menschenbildes eines Peter Hartz war, wie treffend die Beurteilung des inhaltlich dürftigen Schröder/Blair-Papiers als neoliberaler Abschied von der Sozialdemokratie, zeigt sich jetzt. Besonders stark wirken Passagen, die sich als eine Art politische Autobiographie durch das Buch ziehen. Sie begründen die mit der Erfahrung wachsende Einsicht, dass Feminismus und Sozialismus nur in konsequenter Verknüpfung zu befreienden Veränderungen führen können. Gerade das persönlichste Kapitel über Erlebnisse als „Patientin im neoliberalen Krankenhaus“ wird zu einer Systemanalyse, wie sie eindringlicher kaum sein könnte. Wenn die abweisend wirkende junge Frau, mit der beim Bettenmachen nur ein knapper Wortwechsel möglich war, am Abend noch einmal vorbeikommt, um ihre Wut und Verzweiflung loszuwerden, wird sie zur Zeugin für eine zuvor vielleicht theoretisch klingende Aussage, „dass in alledem, in Überforderung und Unterforderung, in Überarbeit und Arbeitslosigkeit, in Rastlosigkeit und Abwarten eine allgemeine tiefe Ungerechtigkeit herrscht“. Mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft und die Menschen in ihr.

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Michael Brie

2. Dezember 2008 Kommentare ausgeschaltet

Frigga Haugs Vier-in-einem-Perspektive eröffnet nicht nur einen Blick auf die Möglichkeiten einer Lebensgestaltung, die bewusst mit Pluralität umgeht und sie genauso emanzipatorisch wie solidarisch handhabt, sie kann auch mit einem neuartigen Entwurf einer anderen Wirtschaftsweise und Eigentumsstruktur verbunden werden. Dieser Entwurf entginge der überholten Dichotomie von Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft und würde erstens nach den unterschiedlichen Potentialen verschiedener Wirtschafts- und Eigentumsformen fragen. Er würde zweitens die Möglichkeiten ihrer solidarischen Verknüpfung untersuchen. In der Generalisierung einer Vier-in-einem-Perspektive können sich Horizonte einer Neubegründung des Sozialismus auftun. Mehr…