Home > Artikel > Wolfgang Fritz Haug: Zum 80. Geburtstag von Ton Veerkamp, Übergänge ins Dieseits

Wolfgang Fritz Haug: Zum 80. Geburtstag von Ton Veerkamp, Übergänge ins Dieseits

13. Oktober 2013

Auszüge, WFH, zum 80. Geburtstag von Ton Veerkamp, Übergänge ins Dieseits, Notizen zu 4in1

12. Konkrete Utopie

Härte, Mühe, Schmerz und Tod sind keine Gegensätze zum Diesseits, sie sind seine Bedingung. Sie loswerden zu wollen, wäre schlechte Utopie. Im Diesseits landen wir beim größten Reichtum, den Spinoza im anderen Menschen gesehen hat. Im diesseitigen Jenseits dagegen ist der Mensch des Menschen Konkurrent. Zu dem, was das wahre Diesseits gewährt, gehört auch die Einsamkeit, zum diesseitigen Jenseits die Vereinsamung.

Dem von Marx in seiner ^unzeitgemäßen^^ These anvisierten Gleichgewicht im gesellschaftlichen Ganzen strebt die unter dem Namen >Vier-in-einem-Perspektive<[1] bekannt gewordene konkrete Utopie zu, die für jedes einzelne Leben das Gleichgewicht zwischen den vier grundlegenden Tätigkeitsformen fordert: der Teilnahme an der Herstellung der lebensnotwendigen Güter, der Teilnahme an den Reproduktions- und Pflegearbeiten, der Selbstentwicklung und der Teilnahme an politischer Gemeinwesensarbeit. Arbeiten dieser vier Arten, sofern nicht Fremdarbeit, sind nicht das Gefängnis, sondern das tätig-verändernde In-Berührung-Kommen mit der Natur und, falls glückend, mit anderen in der Zusammenarbeit.

Dass Marx das >Reich der Freiheit< als vom >Reich der Notwendigkeit< abhängig begreift, heißt für ihn, wie Dick Boer zeigt, dass das Freiheitsreich >in einem völlig diesseitigen Sinn ^jenseits^^ desselben<[2] beginnt, nämlich >wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört< (25/828), freilich mit der wichtigen Rückwirkung der ^Freiheit^^ auf die ^Notwendigkeit^^, >dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, […] ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn< (ebd.).

In der >Vier-in-einem-Perspektive< dagegen wird das Ensemble der notwendigen Arbeiten auf eine Weise in ein neu verstandenes Diesseits integriert, die es als das >Übergreifende<[3] erkennt. Die praktische Not-Wendigkeit, indem sie die nicht der unmittelbar materiellen Güterproduktion vorbehaltenen Sphären übergreift, verwandelt ihr Wesen und geht über in die tätige Ausfüllung des diesseitigen Zusammenhangs der allesamt notwendigen Lebenssphären.

 

13. Widerspruch

Nichts erschöpft sich für uns in der Unmittelbarkeit.



[1] Frigga Haug, Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008.
[2] So Dick Boer in seinem vorzüglichen Artikel >Jenseits / Diesseits< in HKWM 6/II, 1642-59, hier: 1648.
[3] Vgl. Marx, >Einleitung zu den Grundrissen, 42/29 u.ö.

KategorienArtikel Tags:
Kommentare sind geschlossen