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Die Vier-in-Einem-Perspektive und die Menschen, die es angeht

4. Juli 2013

In dieser letzten Juniwoche 2013 musste ich zum Zollamt im Hafen von Stuttgart, weil dort ein Paket für mich eingegangen war aus Ecuador ganz ohne Rechnung, die den Wert hätte einschätzen und entsprechende Zollgebühren verlangen lassen können. – Ich weiß, was da drin ist: Belegexemplare für einen Beitrag von mir zur Vier-in-Einem-Perspektive auf Spanisch. Telefonisch geht das nicht. Wir müssen es gemeinsam auspacken und kontrollieren, ob nicht doch anderes …

Ich habe keine Zeit. Ich erwäge ernsthaft, die Belegexemplare sausen zu lassen. Schäme mich dann aber doch – schon wegen der Mühen der Übersetzerin – und fahre dorthin eine Stunde, weil mitten im dichten Verkehr, wie er in Baden-Württemberg an der Tagesordnung ist. Das Zollamt ist gut ausgeschildert. Es gibt einen Parkplatz. Eine Treppe höher, da ist es schon sehr eng, eine Menschenschlange – sie alle warten, eingelassen und abgefertigt zu werden. Ich unterhalte mich, indem ich an ein andres Projekt denke und kann so ganz geduldig dastehen. Irgendwann bin ich dran: Einzeln eintreten ist verlangt. Drinnen ist es hell. Drei freundliche Augenpaare auf mich gerichtet. „Sie hat schon angerufen. Es sind Belegexemplare“, belehrt eine Kollegin die anderen. Einer  kommt mit der Schere und öffnet das Paket, stößt auf drei gleiche dicke Bücher auf Spanisch: Alternativas al Capitalismo Colonialismo del siglo XXI. „Können Sie spanisch?“ fragt er bewundernd. Ich bejahe und er blättert. Was heißt denn das: “División sexual del trabajo, economía del tiempo y Buen Vivir. La perspectiva cuatro-en-uno”? fragt er, offensichtlich wissbegierig. Ich übersetze zögernd: „Alternativen zum Kolonialkapitalismus des 21. Jahrhunderts“, hört sich in diesem Raum zu laut und auch daneben an. „Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Ökonomie der Zeit und gutes Leben“ mag angehen, wiewohl die Worte nicht sehr lebendig klingen. Und dann noch: „Die Vier-in-Einem-Perspektive“. Das murmele ich schon hastig hinterher. Und genau hier aber werden sie richtig wach. „Was heißt denn das? Wie können wir das verstehen?“. Ganz lässig antworte ich, dass die Vier-in-Einem-Perspektive ein Vorschlag ist für eine bessere Art, sein Leben zu führen. Jetzt bin ich mitten unter ihnen – die drei stehen voller Aufmerksamkeit und nun mit viel Zeit. Vergessen die Schlange draußen. Wir setzen uns, und ich beginne zu erzählen. Zögernd erst – Zollbeamte, das ist schon eine neue Herausforderung. Aber sie wollen immer mehr hören. Ihre Blicke freudig und schließlich versichern sie, dass sie das Projekt für eine sehr gute Sache halten, selbst gern mitmachen würden – da könnte man ja wirklich sein Leben anders in die Hände nehmen – und wo denn das endlich angepackt werde. Wo also?

FH, Juni 2013

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