Archiv

Archiv für Mai, 2013

Was bringt es, Herrschaft als Knoten zu denken?

9. Mai 2013 Keine Kommentare

Vortrag Frigga Haug, Symposium zum 75ten Geburtstag

Ich danke Euch allen für Eure Freundlichkeit, zu diesem Symposium gekommen zu sein. Um zu Eurer Erheiterung beizutragen, möchte ich mit einem Märchen beginnen. Ich erzähle gerne Märchen, weil sie so weise sind zum Einen, so voller Moral zum Zweiten und so dunkel von Schweigen, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen können, detektivisch Neues zu entdecken.

Die meisten kennen wohl das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Daher erzähle ich nur in großen Zügen, obwohl es Spaß macht, den immer gleichen Refrain immer bedrohlicher zu wiederholen. Hier kommt es nur auf das Gerüst an, damit wir die Bauweise auseinandernehmen können.

Ein armer Fischer und seine Frau leben in einem kleinen Verschlag (Topf geheißen) und ernähren sich vom seinem Fischfang. Er fängt wenig, wird immer mutloser, aber eines Tages hängt ein großer Butt an seiner Angel. Er zieht ihn heraus, da fängt der an zu sprechen und fleht um sein Leben. Der Fischer gewährt ihm dieses schnell, da er sich nicht vorstellen kann, einen Fisch, der sprechen kann, zu töten. Zuhause angekommen, erzählt er die Begebenheit seiner Frau. Diese empört sich sogleich über ihn, dass er dem sprechenden Fisch keinen Gegenwert für sein Leben abgenommen habe und schickt ihn zurück ans Meer, das Versäumte nachzuholen. Sie wünscht sich ein Haus mit Möbeln und Garten und Hühnern im Hof. Unwillig geht der Fischer, bekommt aber sogleich des Weibes Wunsch erfüllt, und nun nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Wünsche der Frau werden immer größer – vom Haus ins Schloss – da kommen haufenweis Bedienstete hinzu und Kutschen. Um weiter zu wünschen muss sie ihr Geschlecht wechseln, nicht Königin, sondern König werden, dann Kaiser, jetzt kommen Soldaten als Machtposten hinzu, dann will sie Papst werden, hier ist der Prunk am größten, sie hat gleich vier Kronen, aber sie bleibt unzufrieden, will auch den Sonnenaufgang und -untergang befehlen und also sein wie Gott. Die Katastrophe war vorherzusehen. Sie sitzt wieder in ihrem Topf.

Und von Wunsch zu Wunsch, von Meergang zu Meergang wächst die Empörung der Natur erfahrbar am Farbwechsel des Meeres, von blau nach gelb nach grün, violett bis schwarz und sich gewaltig türmenden Wellen und tosendem Krach.

Die Lehre ist ziemlich klar und grundlegend: Der Fischer ist arbeitsam und arm – die Frau voll gierigen Verlangens. Sie will aus der Ordnung gehen bis hin zur Schöpfung – so muss die alte Ordnung wieder hergestellt werden – arbeitsam der eine und … jetzt merken wir, das wir nichts erfahren haben, was die Frau eigentlich tat oder ob überhaupt etwas, außer dass sie bis zur Dummheit unverschämt ist.

Aber ist dies überhaupt eine Geschichte über Herrschaft und nicht eher über Arbeitsteilung, bei der nur ein Teil arbeitet, der andere vorläufig bloß gierig ist?

Jede kann solche Geschichten und Skandale berichten, in denen Frauen auftauchen und die tüchtigen Männer in Versuchung führen, sodass sie sich heillos verstricken – aus der Ordnung fallen und für mannhafte Macht und ein arbeitsames Leben nicht mehr zu gebrauchen sind. Ich beschränke mich hier auf wenige aus unserer Zeit. Man erinnert, dass Clinton über die Beziehung zu einer Frau stürzte, ja selbst Berlusconi konnte so vorläufig entmachtet werden, Strauss-Kahn kann sich mit viel Geld loskaufen,  aber die Zeiten als Chef der Weltbank oder möglicher französischer Präsident sind endgültig verspielt. In den USA, ein Land, in dem die offizielle Moral und das alltägliche Handeln besonders extrem auseinander gerissen scheinen und so Einfallstore für Umwälzung einer reaktionären Ordnung ins noch Reaktionärere bieten, erinnert man schon nurmehr flüchtig den stärksten General und CIA-Chef Petraeus, Stütze von Obama, dem nach 37 treuen Ehejahren ein Verhältnis mit seiner Biographin nachgewiesen werden konnte, das zwar schon vorbei war, gleichwohl ihn zwang, selbstverständlich Amt und Ehre dahinzugeben.

Frauen, so kann man aus der Geschichte bis heute lernen, sind unheilvolle Mächte, um die Kriege geführt werden, die große verdiente Männer-Macht über Nacht zu Schaum schlagen können – von daher ist es angebracht, sie ins Haus einzuschließen, oder unter einem Ganzkörperschleier zu verbergen, und Männer allein die Geschicke der Gesellschaft lenken zu lassen.

Aber das maßlose, rastlose, planlose Verlangen – auch der Fischersfrau -, das vom ersten Sündenfall weibliche Mitgift ist, musste, als die Frauen in die Häuser gesperrt waren, wohl in einen anderen Bereich auswandern. Endlich, wenn auch historisch spät, konnte sich das Kapital dieses vogelfreien Begehrens annehmen oder vielmehr das Begehren sich des Geldes bemächtigen, dass es Kapital werde. Planlos, maßlos, rastlos – wie Marx das analytisch herausarbeitet. In seiner Gier stürzt es von Krise zu Krise, jede Lösung bereitet nur die Mittel für die nächste heftigere vor, wie das beim Fischer und seiner Frau geschah.

Da wir so märchenhaft aus dem armseligen Verschlag in die Krise des Kapitalismus gesprungen sind, können wir die Frage nach dem Herrschaftsknoten stellen, ohne die überlieferten Herrschaftstheorien noch einmal intensiv aufzusuchen. Dennoch, weil vielleicht viele ihn kennen und erinnern, nur kurz Max Weber streifen mit seiner Herrschaftstypologie. Da geht es verständlich von rationaler, zu traditionaler, zu charismatischer Herrschaft. Immer werden Formen untersucht, wie von oben nach unten gehandelt wird – durch überliefertes Recht, durch Beamte, durch einen Führer, an den geglaubt wird: „Herrschaft soll heißen  die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ (Wirtschaft und Gesellschaft, Erster Halbband, S. 38) heißt es bündig.

Da ist gar kein Gedanke an einen Knoten, der sich in der sauber durchgeführten historisch gestützten Analyse jetzt eher wie ein Vorschlag ausmacht, der aus dem häuslichen Nähkörbchen zu kommen und mit ernsthaftem politischem Handeln wohlweislich nichts zu tun zu haben scheint.

Aber in der Unruhe der Weltwirtschaftskrise werden doch andere Fragen stellbar. Die am meisten beunruhigende ist die, warum Menschen sich bei so offenkundigen Ungerechtigkeiten, die als  Reparaturversuche, die alte Gesellschaft noch eine Weile laufen zu lassen, im Angebot sind, nicht massenhaft wehren. Wie reproduzieren sich diese kapitalistische Gesellschaft und ihre Herrschaft trotz aller Katastrophen oder mit ihnen? Dies wird eine Frage, die heute gesprochen und gehört werden kann.

Indem wir nach dem Muster kapitalistischer Gesellschaft und ihrer Reproduktion fragen, rücken wir der Begriffssprache, in der Knoten eine Rolle spielen, schon näher. Hier können wir schon voraussetzen, dass es zum allgemeinen Wissen gehört, dass das treibende Motiv dieser Regulationsweise der Profit ist, Wachstum, immer mehr, immer größer, das unstillbare Verlangen, das wir in der Seele der Fischersfrau fanden und das als menschlich nicht lebensfähig im Märchen ausgemustert wurde. Wie lebt dann aber Kapitalismus, wenngleich krisenhaft? An dieser Stelle kommen wir nicht weiter, wenn wir nicht aus der gewohnten historischen Überlieferung ein wenig aussteigen und nach dem nicht so Sichtbaren, dem nicht ganz Bewussten, jedenfalls Verschwiegenen suchen.

Gehen wir also noch einmal zurück zur Fischersfrau, die zwar einen Namen hat, die Ilsebill, aber ansonsten nichts weiter ist als des Fischers Frau mit maßlosen Wünschen. Wir können wohl kaum annehmen, dass sie den ganzen Tag, zumal in einem kleinen Verschlag, auf der faulen Haut lag und wartete, dass ihr Mann etwas zum Essen heimbrachte, was, wie wir auch aus dem Märchen erfuhren, sehr häufig nicht gelang. Vermutlich hatten sie Kinder, es musste für sie auch gesorgt werden, Nahrung musste her, es musste gesammelt, gepflanzt, geerntet werden, aus dem Naturzustand geputzt, geschält, gehackt, gekocht werden, zuvor fürs Feuer gesorgt, danach das Geschirr gesäubert, geräumt, die Kinder geboren, gewartet, gehütet, gesäubert, gekleidet, die Kleider genäht, geflickt usw. werden – vielleicht war noch jemand Altes oder Krankes zu versorgen, wie wir aus anderen Märchen, vielleicht auch aus eigner Erfahrung wissen. Bei großer Armut muss weit gegangen werden, um etwas zu essen zu beschaffen, – historisch später, wenn die Fischersfrau schon ein Haus und dann einen Geflügelhof hat, ist es ein Bauernbetrieb mit einer Unmasse von Arbeiten, mit Vieh und Land, viel säubern, Futter besorgen, Schafe auf die Weide treiben, dann scheren, bei Geburten auch der Tiere helfen, bei ihren Krankheiten auch, bis hin zum Schlachten und Häuten und Rupfen usw. – Arbeiten, von denen im übrigen Engels in seiner Schrift zum Ursprung der Familie, des Privateigentums, des Staates denkt, dass sich diese Tätigkeiten fast von selber tun wie im Schlaraffenland. >Jetzt mit den Herden der Pferde, Kamele, Esel, Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine hatten die vordringenden Hirtenvölker [...] einen Besitz erworben, der nur der Aufsicht und rohesten Pflege bedurfte, um sich in stets vermehrter Zahl fortzupflanzen und die reichlichste Nahrung an Milch und Fleisch zu liefern<. (S. 58) -  Man erinnert, jedenfalls im Schlaraffenland laufen die Schweine gebraten mit Messer und Gabel im Rücken umher. In der gleichen Schrift gibt es auch die grandiose und häufig zitierte Formulierung von der >weltgeschichtlichen Niederlage des weiblichen Geschlechts< (S. 61) durch den Umsturz des Mutterrechts. Es folgt der Satz: >Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung.< Und schon wieder tut sie nichts als ein passives Objekt und Werkzeug für andere zu sein. Lesen wir dies als eine Geburt des Opferdiskurses.

Das Übersehen, nicht in Betracht ziehen, Vergessen – Verschweigen zu sagen, wäre schon zu absichtsvoll, – zieht sich durch die Geschichtsschreibung. Wer je versucht hat, Frauengeschichte zu erforschen, stößt immerzu auf Leerstellen, Lücken, Mängel, Nichts. (Ich arbeitete mich unlängst an den Gestalten Köchin und Hausfrau für das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus ab. Man kann das nachlesen.) Und doch ist auch wiederum allen bewusst, dass die Produktion des Lebens, wie Marx und auch Engels dies ausdrücken, das Wesentliche ist, dem die Produktion der Lebensmittel dient – allerdings so, dass das eine ohne das andere nicht geht – ein Trennungszusammenhang. Eine Verkehrung kommt hinein, wenn das eine dem anderen wirklich untergeordnet ist, wie dies eben im Kapitalismus mit der Produktion des Profits wegen geschieht, für die das Leben und seine Produktion nur Mittel sind. – Aber die hierarchische Überordnung der profitlich organisierten Mittelproduktion über das Leben selbst braucht zu ihrem Betrieb die vorhergehende Unterdrückung der Frauen, dass sie sich des Lebensnotwendigen außerhalb der Profitgesetze annehmen.

In dieser Weise können wir feststellen, dass Geschlechterverhältnisse Produktionsverhältnisse sind (ich habe dies ebenfalls im Wörterbuch ausgeführt und begründet und beschränke mich hier auf den Verweis). Diese These gibt uns zwar Auskunft über die Hartnäckigkeit, mit der Frauenmarginalisierung und -Unterdrückung bleibt, selbst wenn die Lage der Frauen historisch immer weiter verbessert wird. Aber alle Verhältnisse sind in Geschlechterverhältnissen kodiert. Der einfach zu sprechende Satz eröffnet einem außerordentlich weit verzweigten Dasein ein riesiges Untersuchungsfeld nur in einer eigenen Befreiungsakademie von den Vielen gemeinsam bearbeitbar. Auch kapitalistische Herrschaft, diese vor allem, braucht Frauenmarginalisierung, um an die Stelle der Barbarei, die Marx und Luxemburg vorhersahen, weiter funktionieren zu können, wenngleich krisenhaft.

Dies nenne ich den Herrschaftsknoten, das Ineinander-Verflochten-sein unterschiedlicher Stränge, die einander abstützen und halten, von denen eine Reihe nicht sichtbar sind, die in ihrem Wirkungszusammenhang aber die kapitalistische Gesellschaft am Laufen halten. Verflochten sind in diesem Knoten: das profitgetriebene Agieren des Kapitals, dass sich lebendige Arbeit in der Form der Lohnarbeit einverleibt, damit die Produktivkräfte immer weiter entwickelt, damit Arbeit, die ihre Quelle ist, austrocknet und einspart – dies ist schon ein komplizierter dialektischer Zusammenhang. Dann die unsichtbaren ungesprochenen und geschichtslosen Taten, die allesamt zur Wiederherstellung des Lebens der Menschen und der sie umgebenden Natur nötig sind. Diese bilden eine eigenen Strang, haben eine andere Zeitlogik, lassen sich schlecht rationalisieren oder effektiver und schneller schaffen, um gewinnbringend zu sein. Die unterschiedlichen Individualitätsformen von der liebenden Mutter, zur heroischen Krankenschwester, zur ehrenamtlich Wohltätigen, zum Umweltschützer sind ebenso bekannt wie die Katastrophen, die hinterrücks die Menschen überfallen: von der Verrohung und dem Verkommen von ganzen Generationen und Bevölkerungsteilen bis zur Unbewohnbarkeit der Erde. Viele dieser Tätigkeiten bleiben unsichtbar. (Readers Digest hatte früher zur Beruhigung eine Spalte, Menschen, die man nie vergisst, gewidmet solchen Menschlichkeiten, die einige freiwillig taten, ohne auf eigenen Vorteil bedacht zu sein) Vieles wurde in den entwickelten kapitalistischen Ländern in die Lohnarbeit überführt, wo es ein geduldetes, schlechtes und schlecht bezahltes Ansehen hat.

In diese Verklammerung geht ebenso fast unerwähnt die Vernachlässigung der Menschen je selbst als Menschen ein – Entwicklung ist Elite, etwas, das sich nur Reiche leisten können, während die Regungen, menschlich Mögliches zu entfalten im Konsumrausch erstickt werden, der zugleich eine Grundlage für Wachstum, Verbrauch usw. ist und sich auf andere Weise das Verlangen der Fischersfrau zunutze gemacht hat, zugleich gezähmt und bedeutend vergänglicher. Und ebenso unbemerkt bleibt, dass Menschen subaltern in Unmündigkeit gehalten bleiben in Bezug auf die Gestaltung der Gesellschaft  – was wir das Politische nennen. Diese vier Stränge sind vielfältig eingeflochten, abgesichert, ausgestaltet, finden sich in unseren Gewohnheiten, Taten, Moral, im Hoffen und Begehren, im Commonsense. Sie zusammenzuführen ist das Projekt der Vier-in-Einem-Perspektive (Hamburg 2008, 3A 2011).

Brecht bündelt: „Über, was Herrschen ist, besteht eine verkehrte Meinung bei einigen. Die meisten Leute wissen Zeit ihres Lebens nicht, dass sie beherrscht werden, das ist eine Tatsache. Sie meinen, sie tun, was sie auch täten, wenns überhaupt keine Obrigkeit oder sonst was, was herrscht, gäb“, sagt Kalle in den Flüchtlingsgesprächen und spricht so aufs Knappste, dass Herrschaft die Beherrschten braucht, die ihr Beherrschtsein praktisch betätigen Tag und Nacht.

Man kann sich das Zusammenwirken dieser vielfältigen Kräfte vorstellen, auch, wie enorm das Forschungs- und Praxisfeld ist, das zur Befreiung von Herrschaft beschritten werden muss und wieviele gehen müssen verändernd sich und ihre Bedingungen.

Gramsci spricht als Aufgabe: „Man muss eine Lehre erarbeiten, in der alle diese Verhältnisse tätig und in Bewegung sind, wobei ganz deutlich festgestellt wird, dass der Sitz dieser Tätigkeit das Bewusstsein des Einzelmenschen ist, der erkennt, will, bewundert, schafft, insofern er bereits erkennt, will, bewundert, schafft usw. und sich nicht als isoliert, sondern als voller Möglichkeiten begreift, die ihm von anderen Menschen und von der Gesellschaft der Dinge geboten werden, wovon er unvermeidlich eine gewisse Kenntnis hat.” (Gefängnishefte, H 7, § 35)

Aber was bringt es, in diesem Zusammenhang von einem Herrschaftsknoten zu sprechen, statt einfach von einem Zusammenwirken?

Ich nehme das einfache Beispiel vom Schuh mit Schnürsenkeln. Jeder weiß, dass hier zwei Stränge so zusammengebunden werden, dass sie sich nicht leicht von selber lösen können. Damit das garantiert ist, macht man einen Doppelknoten. Wenn man vier oder mehr Stränge hat, wird es fast unlösbar – wie der gordische Knoten – die Lösung bleibt Aufgabe. Aber, worauf es jetzt hier ankommt, ist, dass es immer die Möglichkeit gibt, am falschen Ende zu ziehen und so den Knoten fester und die Lösung unmöglicher zu machen.

Im Projekt der Vier-in-Einem-Perspektive (das hier gewiss allgemein bekannt ist, und Einlass sucht, ja zuweilen schon gefunden hat in der LINKEN) ist die Vorstellung vom Knoten und seiner tückischen Weise, sich beim Lösen festigen zu können, grundlegend. Das ist einfach zu begreifen und zu erklären, wenn man sich den Druck in den Zeiten der Großen Krise prüft. Wenn man sich etwa die in Lohnform gefangene Arbeit ansieht und ihre Verkürzung als ausschließliche Politik betreibt. Die Vernachlässigung aller anderen gesamtgesellschaftlichen Arbeit ist dabei ebenso evident wie die Zielgruppe mit Entwicklung der Produktivkräfte immer kleiner wird. Und auf der anderen Seite verschwinden die vielen andern Arbeiten immer weiter aus dem sichtbaren Feld, während ihre in Lohnform überführten Teile den Sparmaßnahmen in der Krise zum Opfer fallen – wie geschehend im Gesundheitswesen, im Schulwesen, in der Sozial- und Jugendarbeit, in der Altenpflege, im Kulturellen. Dabei finden sich die vielen Sorge- und Reproduktionsarbeiten allgemein in großer Not, für sie reicht die Zeit nicht. Daher müssen die Kämpfe um sie anders geführt werden, denn als solche nur um Erwerbsarbeitszeitverkürzung. Beginnt man aber, an dem zweiten Strang zu ziehen und z.B. Betreuungsgeld, Elterngeld, Müttergeld zu fordern und also diesen Bereich der menschlichen Reproduktion ebenfalls gänzlich in die Geldform zu überführen, erfährt man schnell, dass fast unvermeidlich reaktionäre Mutterbilder verfolgt werden, die, wie Bloch das ausspricht, das weibliche Geschlecht „auf ewig ans Kreuz der Geschichte nageln“ (Tendenz, Latenz, Utopie, S. 295). Es ist – allein gezogen – das falsche Ende, ohne – wie schon bei der Arbeitszeitverkürzung – überhaupt ganz falsch zu sein. Der Knoten muss anders gelöst werden. Das Knotengewirr beim Alten zu lassen, und vorsichtig am Strang allseitiger Entwicklung zu ziehen, festigt die Grenzen, die um die Ausbildung von Eliten gezogen sind, weil die Verknüpfung mit wirtschaftlichem Wachstum zur Unterstützung von wirtschaftlich Gebrauchten führen, was weder der allseitigen Entwicklung der Persönlichkeit zugutekommt, noch der Entfaltung aller Sinne, sondern, wie sichtbar, zur Konzentration auf den Erfindungsgeist ins Machbare, was die Herrschaft und Indienstnahme von Natur anbelangt: Verlängerung des Lebens für Reiche, Ersetzung ihrer Organe durch anderswo geraubte, fehlerfreie Kinder für einige, usw. Man muss, wie Donna Haraway das fordert, eine Liste erstellen, welche Erfindungen und Entwicklungen den Ausschluss vieler aus dem allgemeinen Menschsein fördern, also Herrschaft stützen (1995, S. 178ff). – Schließlich die Politik. Alle Verbesserungen in der politischen Stellvertretung, die gewiss nötig sind, ermäßigen die Notwendigkeit, dass es schließlich darum gehen muss, Politik von unten zu machen – Sozialistische Demokratie, in der alle befähigt werden, die Gesellschaftsgestaltung in eigene Hände zu nehmen. Wiewohl das sich unerträglich phrasenhaft anhört, weil wir nicht mehr daran glauben, dass dies gelingen könnte, bleibt es Fernziel, bleibt unsere Politik die Vertiefung von Demokratie als Handeln von allen. – Nicht Arbeitszeitverkürzung für Vollbeschäftigung und diese für Wachstum sondern Arbeitszeitverkürzung, damit wir Zeit haben für Märchen, für andere und fürs Politikmachen, was für Menschen unerlässlich ist. Manchmal bringen wir schon alles zusammen.

Bleibt die Frage, warum sich die Menschen in der jetzigen Großen Krise nicht wehren, sondern diejenigen als ihre Vertreter zumeist wählen, die diese Krise politisch mit eingebrockt haben. Die Frage allgemeiner gestellt zeigt die Wege ihrer Beantwortung. Zu den sich festzurrenden Fäden des Herrschaftsknotens gehört wie eine Sicherung, dass in den Befestigungen auch Belohnungen stecken. Der verschnürte Schuh erleichtert das Laufen. In jeder Herrschaftsform steckt nicht nur Gewohnheit, sondern damit auch Handlungsfähigkeit für die Unterworfenen. Das erschwert ein weiteres Mal, die einzelnen zur Veränderung ihrer Lebensbedingungen zu ermutigen. Ohne Halt ist kein Halten. Die Lösung des Herrschaftsknotens ist daher nicht nur eine unerhört langfristige und komplizierte Arbeit – sie kann nur in allen Bereichen zugleich begonnen werden und braucht die Kraft und die Zeit der Vielen.

Da ruckeln sie an den einzelnen Strängen. Sie lockern ihren Griff auf die Erwerbsarbeit in Vollzeitform und wollen weniger Zeit dort verbringen, um die freigewordene Zeit der fürsorgenden Arbeit zu widmen und der Freundlichkeit in der Welt. Sie gewichten um, halten Lohnarbeit nicht mehr für das ausschließliche Zentrum ihres Lebens die einen, wollen sich nicht mit ganzer Zeit dem Häuslichen widmen die andern, sondern beide erkennen in größerer Muße, dass menschliche Sinne mehr vollbringen, genussvoller, wenn auch immer noch anstrengend sich betätigen, als bloßes Abrackern in der einen oder anderen Form. Aufatmend blicken sie um sich, sehen, das wenig zum Rechten steht und sehen auch, dass sie die Gestaltung der Gesellschaft gemeinsam vorantreiben, also Politik in ihre Hände nehmen müssen. In diesen vier Bewegungen zugleich lockern sich die Knoten, wird Herrschaft instabil. Diese Lockerung ist antikapitalistisch und radikal demokratisch, deshalb ist mit systematischem Widerstand zu rechnen.

Lernen wir von Brecht, der eine geistige Gymnastik für die Köpfe ist und ein ausgezeichneter politischer Lehrer, selbst wenn wir seine umfassende Hoffnung nicht mehr ganz unangefochten teilen können:

„Wenn die herrschende Klasse ihren Griff verliert, fallen die Beherrschten zunächst meist zusammen. Die Institutionen schwanken und zerfallen schon, und die Unterdrückten machen noch lange keine Anstalten, die Führung zu übernehmen. Gegen sie steht ihre Religion, ihre Lebenskunst, die sie mühsam gelernt haben, viel davon vom Feind, einiges davon im Kampf mit dem Feind, eine komplexe Ausstattung von Gewohnheiten und Maximen. Deshalb muss der Umsturz selber etwas Geschäftsmäßiges bekommen, ein organisiertes Unternehmen, in dem sie Züge ihres Alltags wieder erkennen können, kurz, vernünftig, um die Massen einzubeziehen.“ (Marxistische Studien, GW 20, 120)

Nachtrag: Noch einmal zurück zur Fischersfrau, die am Anfang der Geschichte untätig in einem Topf saß und immer höher fliegende Wünsche hatte. Die einseitige Abbildung, die ihre Taten vergaß, dient auch dazu, allgemein die Wünsche zurückzustufen, besonders die weiblichen. Sie soll im Topf bleiben und das Nötige tun ohne weitere Worte. So kann davon ausgegangen werden, dass die Menschheit einstweilen überlebt und Fortschritt in den Händen des Fischers läge? Aber er wird von allein nicht auf bessere, gewinnbringendere Nutzung seiner Arbeitskraft kommen – daher muss das Wünschen in die richtigen Hände, die dann wiederum den Fischer sich zunutze machen können als verfügbare Arbeitskraft in einer immer gesellschaftlicher, also arbeitsteiliger und kooperativer werdenden Form. Die Verfügung über Körper und Arbeit der Frauen bleibt weiter unerwähnt –  eine Kraft, die der Verknotung anheimfällt. Es ist also auch wichtig und gehört zum Herrschaftsknoten, dass ein großer Teil der gesamtgesellschaftlichen Arbeit unerkannt, unbewusst, verborgen ist. So bekommt der Knoten eine schwerer zu entziffernde Form. In seine Lösung geht Erkenntnis ein und damit eine Wahrnehmung, die die Arbeiten nebeneinanderstellt, dass sie gleichzeitig sichtbar sind, wie ebenso ihre Unsichtbarkeit als Strategie  gesehen werden kann. Erst von da aus ist eine Zukunftserzählung zu schreiben und an schrittweise Verwirklichung zu gehen.

KategorienArtikel Tags: