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Vier Leben in einem Besprechung eines politischen Buches der ehemaligen HWP-Professorin Frigga Haug – und zwei Vorschläge für die Personalpolitik der Universität Hamburg

18. Oktober 2012

Das Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“, das hier vorgestellt und empfohlen werden soll, enthält 18 Aufsätze und Reden, in denen sich biographische Erinnerungen, politische Philosophie und eine radikale, auf Veränderung zielende Kritik an den Lebensverhältnissen im „Neoliberalismus“ verbinden. Die Autorin Frigga Haug war bis 2001 Soziologie-Professorin an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP). In einem der Texte – es ist die Dokumentation ihrer Abschiedsvorlesung – setzt sich Frigga Haug denn auch mit dem „Lehren und Lernen“ an einer Universität auseinander. Eigentlich ist diese Abschiedsvorlesung ein Forschungsbericht, der Forschungsgegenstand sind die Lernbedingungen in Seminaren der Dozentin, in denen es um „Rassismus“, „Diskursanalyse“ oder „Cultural Studies“ ging. Das Besondere jedoch ist: die Studierenden wurden nach und nach, indem sie Lerntagebücher verfassten und diese später auszugsweise im Seminar vortrugen, zu Mit-Forschenden, also zu Forscherinnen und Forschern in eigener Sache. Was dabei an (geschlechtsspezifischen) Selbsterkenntnissen und an Selbst- und Gruppenveränderungen herausspringt, ist so spannend, wie eine Wissenschaft nur sein kann, die der Sache auf den Grund geht. Und nebenbei ist der Bericht ein Musterbeispiel für elegante wissenschaftliche Prosa, die ihre Kraft daraus gewinnt, dass sie ihren „Gegenstand“ zur Sprache bringt und ihm zur Sprache verhilft.

In den 18 Texten geht es um so unterschiedliche Themen wie das Welt- und Menschenbild von Peter Hartz, Patientenerfahrungen im „neoliberalen Krankenhaus“, Liebe und Liebessehnsucht oder die Notwendigkeit, „das Utopische feministisch zu fassen“. An allen Texten der sozialistischen Feministin Frigga Haug beeindruckt die Fähigkeit, die Sicht auf die Dinge zu öffnen, ja zu befreien, wenn auch eben diese Fähigkeit ihr oftmals von beiden Seiten, dem sozialistischen wie dem feministischen Lager, harsche Kritik eingebracht hat. Dabei ist genau dies die Stärke der Texte: zu zeigen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse nur verstanden werden können, wenn man nach der unterschiedlichen Betroffenheit und Verstricktheit von Männern und Frauen fragt, und wenn umgekehrt sichtbar gemacht wird, wie Männer und Frauen die Verhältnisse, in denen sie um ihr Leben betrogen werden, selbst mitproduzieren („Auch das Sich-Opfern ist eine Tat und kein Schicksal“).

Die kritischen Interventionen, die in dem Buch zusammengestellt wurden, können – wenn man sie ins Positive wendet – als Modelle einer Gesellschaft gelesen werden, in der (1) die notwenige Erwerbsarbeit, (2) die Fürsorge-, Haus- und Familienarbeit, das Kümmern um andere und um sich selbst, (3) die Chancen auf Entwicklung von Fähigkeiten und Talente und schließlich (4) die Möglichkeiten der (politischen) Mitgestaltung des Gemeinwesens gleich und gerecht verteilt sind. Die konkrete Utopie einer gerechten und humanisierten Gesellschaft hat Frigga Haug folglich die „Vier-in-einem-Perspektive“ genannt.
Man stelle sich einmal vor (zu diesem Gedankenexperiment lädt die Autorin ein), „dass jeder Mensch in die Lage versetzt wird, sein Leben so einzurichten, dass er oder sie je vier Stunden in jedem dieser Bereiche verbringt“ – und stelle neben einen solchen „4 in 1-Tag“ den eigenen gelebten Alltag!

Das Aufrüttelnde und im positiven Sinn Beunruhigende dieser Perspektive wird sogleich klar, wenn man aus der abstrakten Vorstellung konkrete Forderungen ableitet. Wie wäre es, fragt Frigga Haug, die die Kunst der klugen Provokation wie kaum eine andere und kaum ein anderer beherrscht, wenn wir (Gewerkschafter/innen, Linke, sozialpolitische Gruppen) die Losung ausgeben würden: „Teilzeitarbeit für alle!“ Hinter der Provokation steht die Überlegung, dass der High-Tech-Kapitalismus es längst möglich machen würde, die Arbeitszeit der Menschen ohne Einbußen an Lebensqualität drastisch zu reduzieren, und dass auf der anderen Seite die Spaltung in Arbeitslose und Überarbeitete und die Spaltung der Arbeit in (a) anerkannte, gut bezahlte, männliche und (b) gering geschätzte, schlecht bezahlte, weibliche Arbeit überwunden werden muss, wenn wir die De-Humanisierung der sozialen Verhältnisse umkehren wollen.

Wie wäre es, könnten man nun mit Blick auf die Universität Hamburg und konkret im Hinblick auf den „Struktur- und Entwicklungsplan 2013-2020“ fragen, wenn Professoren-Stellen zukünftig geteilt würden und mit zwei statt einer Akademikerin oder einem Akademiker besetzt werden würden? Es gibt zu wenig Köpfe und Ideen in der Universität und zu wenig Schultern, auf die die notwendigen Arbeiten verteilt werden können, und es gibt auf der anderen Seite zu viele hochqualifizierte, ideenreiche und absurderweise doch eben arbeitslose Nachwuchsakademiker/innen!

Und wie wäre es, wenn die Universität sich dafür einsetzen würde, dass beispielsweise die („outgesourcten“) Kolleginnen und Kollegen in den Pförtnerlogen endlich einen anständigen Stundenlohn bekommen (derzeit 7,31 brutto), damit nicht „mindestens 200 Stunden pro Monat zusammenkommen müssen, um einigermaßen finanziell überleben zu können“ (FSR Sozialwissenschaften und AStA Uni Hamburg in ihrer Petition gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse an der Uni Hamburg)?
Hans-Joachim Rieckmann

Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument-Verlag. 348 Seiten, 19,50 EUR. – Wer sich mit dem Schreib- und Denkstil von Frigga Haug vertraut machen möchte, der oder dem sei folgender online verfügbarer Text empfohlen, der zugleich in prägnanter Form die Grundidee der 4 in 1-Perspektive erläutert: www.freitag.de/positionen/0942-haug-gutes-leben-sozialforum-hitzacker

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