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“Anschläge”: Interview mit Frigga Haug

30. Juli 2012

für das feministische Magazin “Anschläge” für die Septembernummer mit dem Schwerpunkt “Wie wir arbeiten wollen”
Das Interview führte Brigitte Theißl, Wien  am 27.7.12

1) In Ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ geht es unter anderem um die Entwicklung der menschlichen Sinne und der Kultur. Dürfen wir in Zeiten von Finanz- und Staatsschuldenkrise über solche Dinge nachdenken?

Die Große Krise trifft die einzelnen ja nicht unmittelbar in der Form der Staatsschuld oder des Bankencrashs, sondern anders: Als Drohung von Arbeitslosigkeit und Armut, als Zweifel an der Planbarkeit des Lebens. Kurz die Krise nötigt auch zur Besinnung auf den Sinn des Lebens, die eigene Stellung in Gesellschaft, auf nützliches Tun. Dies ist ja genau der Moment, an dem über ein gutes Leben, jenseits von Konsum und immer mehr Konsum nachzudenken ist. Zum guten Leben aber gehört für mich die Entwicklung aller Sinne, also künstlerische Potenziale in sich zu entdecken und zu pflegen, genussvolle Tätigkeiten anzustreben, kurz, sich als Mensch und eben nicht als Konsument zu bejahen.

2) Die „Vier-in-einem-Perspektive“ verbindet die Bereiche der fürsorgenden Arbeit, des politischen Engagements, der persönlichen Entwicklung und der Erwerbsarbeit, die radikal gekürzt werden soll. Es geht dabei also um eine gerechtere Verteilung von Zeit – und nicht von Arbeit?

Natürlich geht es um eine gerechte Verteilung von Arbeit – d.h. um das Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz, das Recht auf fürsorgende Arbeit, auf die Entwicklung seiner Fähigkeiten, auf politische Arbeit. Um diese vier Bereiche als Arbeit zu sprechen und gehört zu werden, braucht es eine Kulturrevolution. Zu fest sitzen die alten Gewohnheiten als Vorstellung in den Köpfen. „Willst Du im Ernst sagen, dass es genauso Arbeit ist, wenn ich Cello spiele zuhause, als wenn ich im Bergwerk arbeite?“ fragte mich eine Mitstreiterin empört. Man hört die Verachtung des Cellospiels als Luxus und erkennt den Blick auf Erwerbsarbeit festgeheftet an vergangene Formen männlicher Lohnarbeit und die damit einhergehende Achtung, dass nur dies zu respektieren sei. Reproduktionsarbeit verwandelt sich unvermittelt ins Windeln wechseln, als stünde hier nicht in Frage, wie Menschen sich menschlich zueinander verhalten usw. Hier umzudenken ist ein langer Prozess. Er ist notwendig. Einfacher, wenn auch abstrakter scheint die Einigung, dass in jedem Fall um die Verfügung über Zeit zu kämpfen ist mit dem Ziel der selbstbestimmten Zeit für alle vier Bereiche. Arbeit ist Zeitverwendung. Ausbeutung ist Verfügung über fremde Arbeitskraft und also Zeit. Die Themen hängen also ineinander.

3) In Diskussionen um eine Arbeitszeitverkürzung wird sehr schnell die Frage gestellt: „Wer soll das bezahlen?“

Diese Frage ist an sich ungeheuerlich. Sie fragt vor dem Hintergrund einer so großen Produktivkraftentwicklung, dass nur noch die Hälfte oder weniger der notwendigen Arbeitszeit gebraucht wird, um die gesellschaftlich notwendige Arbeit zu  erledigen. Wenn man also die Erwerbsarbeitszeit nicht entsprechend verkürzt, heißt das, man schafft Arbeitslose. Wer zahlt diese?  Oder steht hinter der Frage gar die Idee, man sollte die Arbeitslosen verhungern lassen und aus der Gesellschaft herauswerfen – sie „an den Rändern verlieren“ wie Peter Hartz der Autor der Hart4-Regelung vorschlug. Mit andere Worten: Die jetzige Lösung stuft einfach einen Teil der Bevölkerung aufs Existenzminimum und bezahlt nur den anderen Teil, stets weniger übrigens, wenn man nicht zu den ganz Oberen gehört. Aber bezahlt werden muss in jedem Fall. Gerechte Verteilung des erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtums auf alle, setzt eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit voraus.

4) Frauenpolitische Diskussionen drehen sich in Österreich und Deutschland gegenwärtig häufig um Quoten, Kinderbetreuungsplätze und Sorgerecht. Braucht auch die Frauenpolitik mehr Utopien?

Die Frage gefällt mir, weil sie mich zwingt, genauer zu denken und zu sprechen. Natürlich sind Quoten, Sorgerechtsfragen, Kinderbetreuung ganz wichtige aktuelle Aktionsfelder. Aber sie sind nicht das Ziel, wohin wir aufbrechen wollen. Eine Gesellschaft, die hälftig in Frauen und Männer geteilt ist, aber sonst die gleichen Ungerechtigkeiten und Barbarisches verfolgt wie die unsere, ist nicht unser Ziel. Die Quote ist also Weg, nicht Ziel. Die Betreuungs- und Rechtsfragen müssen geregelt werden, aber unsere Gesellschaft mit Kriegen, Krisen und immer größerer Verwahrlosung von so vielen, braucht mehr. Wichtig ist, sich nicht mit „Frauenfragen“ bescheiden zu lassen, sondern das, was als Frauenfrage auftaucht, in eine Menschheitsfrage zu übersetzen und so vom Frauenstandpunkt eine Utopie, eine Perspektive für alle zu entwerfen, deren treibendes Motiv nicht der Gewinn ist, sondern eine fürsorgende, also menschliche Gesellschaft.

5) Bei einem Vortrag in Wien haben Sie gesagt: „Das 4-in-1-Projekt setzt ein nach der Herausbildung von geschulten Widerstandsbewegungen und der Bereitstellung von Erkenntnis über die Unmöglichkeit dieses kapitalistischen Projekts“. Wie könnte eine feministische Bewegung „von unten“ aussehen?

Eine feministische Bewegung kann sich bilden an ganz unterschiedlichen Punkten, an denen das Gewohnte, die alltägliche Unterdrückung nicht länger ertragen wird. Irgendwo, und man kann nicht vorhersagen oder gar planen, wo das geschieht, bricht langer Zorn aus, der Funke springt über, viele schließen sich an, erkennen sich und ihre Belange, stellen die bisherigen Arbeiten, die den Tag ausfüllten, hintan und setzen sich in Bewegung. Man kann dies an der vergangenen Frauenbewegung studieren. Es ist wichtig, sich zu erinnern.

Wie kam es, dass Frauenbewegung möglich wurde? Meine These ist, dass es die Ungleichzeitigkeit war, die zur Zuspitzung heranreifte: viele Jahre sozialdemokratische Regierungen mit Reformen, die Freiheit versprachen und zugleich die bleibende Fixierung der Frauen an die alten Formen der Kleinfamilie, Hausfrau, Mutter, Kind, ganz gleich, was man zuvor gewollt hat, gelernt, studiert. Das Leben schien ein Projekt, man selbst seine Autorin und plötzlich, da hatte man noch nicht richtig angefangen, kam ein Kind und alles war zu Ende. Keine Kinderbetreuung, keine Möglichkeit, einfach so dahinzuleben, Pläne, Geld ein geregeltes Dasein, Verantwortung wurden nötig. Politische Einmischung, die im Aufbruch der Studentenbewegung selbstverständlich war, wurde schwer bis unmöglich; studieren mit Baby kaum machbar, Geige spielen wäre viel zu laut gewesen, und so ging einer hinaus ins Leben zum Geldverdienen, eine blieb zuhause als Hausfrau, sparsam und widerwillig mit dem unglücklichen Bewusstsein, nicht normal zu sein. Das geschah massenhaft, geschieht bis heute. Die Freiheiten, die in der Studentenbewegung erkämpft wurden, galten nicht für die Frauen. So sammelten sie sich, tauschten Erfahrungen aus und erkannten, dass sie alle nicht normal waren, zunächst also gegen Normalität zu streiten war. Usw. – Ich will damit vieles zugleich sagen: Man kann Bewegung von unten nicht machen. Sie entsteht an allzu großen Widersprüchen, wenn Hoffnung und Fähigkeiten gegen Grautöne und das Nichtvorgesehensein als Mensch in Gesellschaft zusammenstoßen.

Was können wir tun? Unter wir meine ich die geschulten Intellektuellen, die sich der Veränderung von Gesellschaft verschrieben haben und so auch wissen, dass dies keine Tat von einzelnen ist, sondern Bewegung dafür notwendig ist, sie der Stoff ist, aus der Neues sich herausbildet. Wie also können wir, als „organische Intellektuelle“, wie Antonio Gramsci das nennt, der Herausbildung von Bewegung und dann den Bewegungen selbst dienen? Reflektieren wir, was wir tun. Wichtig ist, den üblichen Medien entgegengesetzt, nicht dauernd die Zahlen des Elends durchzubuchstabieren und zu wiederholen. Das lähmt und stärkt Ohnmacht. Wichtig ist es dagegen, überall zu studieren, wo sich Widerstand regt. Die Nachrichten zu sammeln, zu verbreiten, sie auszustellen. Es ist erstaunlich, wie viel Bewegung es in der Gesellschaft schon gibt. Dann gilt es, das Vielfältige zusammenzufassen, zu Losungen zu verdichten, eine Sprache zu finden, die eine jede versteht und mit der sie sich gemeint fühlt.

Es wird dies nicht möglich sein, wenn man keine Perspektive hat, keine Vision, keine Utopie, wie Gesellschaft anders sein könnte, in der auch Frauen als Menschen entscheidend wären. Als eine solche Utopie begreife ich die Vier-in-Einem-Perspektive. Sie ist eine solche Zusammenfassung und Orientierung des schon vorhandenen Protests, fügt die einzelnen Elemente zusammen. In der Zusammenfügung, die empfiehlt, immer alle Vier Bereiche zugleich anzurufen, liegt das Neue. Die Zusammenfügung ist aber notwendig, um den Herrschaftsknoten zu erkennen und an seine Entwirrung zu schreiten, der diese Gesellschaft als schlechte und in Krise geratene immer wieder hält, dass sie das Vertrauen in sich nicht verliert. Dieser Herrschaftsknoten ist geknüpft aus der Stellung der Lohnarbeit im Gesamt der Arbeiten, aus der geschlechtsspezifischen Verteilung und gleichzeitigen Marginalisierung der fürsorglichen Arbeit, was auf die Zustimmung der Frauen setzt, auf den Verzicht auf eigene Entfaltung und politische Passivität. An ihm also ist anzusetzen. Es ist nicht vorherzusagen, wie lange es währt, bis ganz viele sich an die Lösung dieses Knotens machen, aber es ist klar, dass Frauen dabei am entscheidenden Hebel sitzen, weil der Knoten nur mit ihrer Zustimmung hält.

 

Frigga Haug, Los Quemados, 27.7.12

 

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