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Interview Frigga Haug mit Maggie Jansenberger

30. Juli 2012

- Für „BlattforUm 25 “ der Plattform 25 (www.plattform25.at) Es wird am 6. Oktober erscheinen – da ist ein österreichweite Aktionstag zum Thema „wege aus der Krise“ www.wege-aus-der-krise.at

1. Ihre 4 in 1 Perspektive wird auch als „Gerechtigkeit für alle“ bezeichnet. KritikerInnen könnten sagen, dass sind Utopien, die nicht für die politische Praxis taugen.
Solche Kritik ist so richtig wie falsch. Was ist das für eine Praxis, die ohne Vision von einer anderen Welt auskommt, zu der dann dennoch praktisch aufzubrechen ist hier und jetzt? Es ist richtig, auf konkreten Forderungen zu bestehen, aber welche Forderungen zu stellen sind, bemisst sich dann doch an der Perspektive, zu der man aufbricht. Zum Beispiel wäre die Forderung: Alle sollen ein Dienstmädchen haben, damit sie nicht zu viel Schmutzarbeit verrichten müssen, sicher unpassend für die Dienstmädchen – dies auch dann, wenn wir vorher eilig Sprachpolitik betreiben, und sie kosmetisch und geschlechtergerecht RaumpflegerIn nennen. Darüber nachdenkend, erkennt man schnell, dass wir für einen gerechtere Gesellschaft über Arbeitsteilung forschen müssen und ziemlich bald vor großen notwendigen Entwürfen stehen über die Befreiung von Herrschaft überhaupt. Im Vergleich dazu wirkt das Verlangen nach Gerechtigkeit ganz alltagskonkret und praktisch, verständlich schon für Kinder.

2. Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche. Woran mangelt es in der derzeitigen Politik mehr: an Kunstfertigkeit oder an Utopien/ Visionen/?
Das Verlangen nach politischer Kunst empfiehlt ja grade, solche entweder/oder-Fragen zu vermeiden. Die Verknüpfung der vier Bereiche schlägt vor, nicht eine Politik um die Erwerbsarbeit allein zu betreiben, keine bloß um Reproduktion, keine nur für Selbstentfaltung , und keine bloß um das Recht auf politische Einmischung, weil jedes für sich verfolgt auf lange Sicht reaktionär wird. Die Politik um die Vollzeiterwerbstätigen verliert wenigstens zwei Drittel der Erwerbsfähigen aus dem Auge, taugt also nicht für das zunehmende Heer an Prekariern; die Politik um die Reproduktion landet bei den Müttern und nagelt das weibliche Geschlecht ans Kreuz der Geschichte, die Konzentration auf Selbstentfaltung schafft eine Elite und das Recht auf politische Einmischung erbringt ohne die drei anderen Bereiche Politik als Beruf, als Stellvertretung. – Man muss also die Bereiche verknüpfen, z.B. die verständliche Forderung nach Verkürzung der Erwerbsarbeit zusammen mit Forderungen, wie mit der dann frei gewordenen Zeit zu verfahren ist, formulieren. Also nicht: „Samstags gehört Vati uns“, wie dies gewerkschaftliche Forderung war, sondern: Die Erwerbsarbeit muss radikal verkürzt werden, damit alle genug Zeit haben, sich der sozialen fürsorgenden Praxen ebenso anzunehmen, wie sich selbst zu entwickeln und politisch tätig zu sein, was, wie man an der Krise hautnah erfährt, zwingend notwendig ist usw. – Man sieht an der Ausführung, dass man die Utopien/Visionen braucht, um praktisch politisch die Bereiche zu verknüpfen. – Noch ein Beispiel: Die derzeit energischste Initiative für Arbeitszeitverkürzung in Deutschland fordert die 4-Tagewoche. – Dies würde aber den wesentlichen Herrschaftsknoten, in dem die weibliche Zustimmung steckt, die jeden Tag auftretenden fürsorglichen Arbeiten, privat zu erledigen, ebenso auf Dauer stellen, wie auf eigene Entwicklung zu verzichten und sich politisch nicht einzumischen. Es ist eine Forderung vom Männerstandpunkt gestellt, die zwar damit das Ziel verfolgt, die Arbeitslosigkeit zu verringern, nicht aber, insgesamt eine andere und gerechtere und auch haltbarere Gesellschaft für alle zu verfolgen. Das Problem wird vertagt.

3. Einerseits steigt die Zahl jener, die aus der Erwerbsarbeit herausfallen, während andererseits die übrigen ›keine Zeit‹ mehr haben, bzw. sie für sich nicht finden. Sie plädieren für eine Veränderung des gesellschaftlichen Zeitregimes, dass wir die Wertigkeit unserer Zeit neu ordnen müssen. Wo muss diese Veränderung im Sinne der 4 in 1 Perspektive ansetzen?
Frage gestrichen, da in den anderen enthalten.

4. Wie kann eine Herauslösung des Arbeitsbegriffs aus der in der Form der Lohnarbeit verbrachten Tätigkeit vollzogen werden? (Teilzeitarbeit für alle!)
Das ist eine Frage nach einer Kulturrevolution. Denn praktisch existieren ja alle möglichen Arbeiten in der Gesellschaft, die auch als Arbeit bewusst sind, nur, wenn es darauf ankommt, zählt im gleichen Alltagsbewusstsein nur noch die Erwerbsarbeit als Arbeit. Das allgemeine Bewusstsein ist zu schärfen, dass in der gesellschaftlichen Gesamtarbeit eine Unmenge an Tätigkeiten stecken, deren Zuordnung zu Arbeit oder Nichtarbeit hinter dem Rücken unklar vorgeht. Man kann eine ganze Tagung damit verbringen, die einzelnen Tätigkeiten mit allerlei Beiwörtern geschmückt und verdeckt bis zur Unkenntlichkeit , wie Ehrenarbeit, Umsonstarbeit, Hobby-Arbeit, Gedankenarbeit, ideologische Arbeit, Repräsentationsarbeit, politische Arbeit, Maloche, Job, usw. – herauszuholen und gemeinsam zu diskutieren, warum und wie die Tätigkeiten in welchem Fach zu finden sind und wie sie zum allgemeinen Begreifen und zur Befreiung zu erkennen wären. – Sicher ist der Vorschlag der Vier-in-einem-Perspektive leicht verständlich als ein Ordnungsvorschlag für den Gesamtzusammenhang der Tätigkeiten. Viele können sich ans Werk setzen und die bisherigen Ausdrücke, die auf der Straße liegen, zum Tanzen bringen.
Dieses lässt sich zum Beispiel politisch aufregend tun mit dem Begriff Teilzeitarbeit. Er enthält völlig unbegriffene Setzungen, was volle Zeit, was ein Teil ist. Vor allem aber enthält er politische Erfahrung, gemacht in langen Kämpfen, dass Teilzeitarbeit ein Unglück ist und genauso schäbig wie Frauenarbeit. Alle diese Kämpfe und ihre Bedeutungen gilt es hervorzuholen und ein Bewusstsein über die Vorgänge zu schaffen. Marx folgerte am Ende seiner Analyse der Lohnarbeit: „Produktiver Arbeiter zu sein, ist daher kein Glück, sondern ein Pech.“ – Diese Einsicht ist bis heute nicht überall angekommen. Aber genauso geht es mit der „Vollzeitarbeit“, weshalb die Losung „Teilzeitarbeit für alle“, so paradox ist, wie verstörend, aufklärerisch und provokant. Alles und alle kommen in Bewegung.

5. Die lebenslange Entfaltung des eigenen Selbst braucht Zeit und den Raum, sowie das Recht auf eigene Wege auch bei eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten. „Sozialen Garantien des Lebens“ (Rosa Luxemburg) gelten als unbedingte Voraussetzung dafür, dass politische Beteiligung möglich wird. Wie kann eine solche soziale Garantie aussehen?
In Österreich und in Deutschland wird vielfach der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Dieser Vorschlag antwortet zum einen auf die Lage des wachsenden Prekariats, also auf die schwierigen Bedingungen, unter denen die vielen Menschen leben müssen, die aus dem gesellschaftlichen Ewerbsprozess herausgefallen sind und nun in irgendeiner Form staatliche Unterstützung bekommen, die unter erniedrigenden und stark kontrollierenden Formen auch von inkompetenten Beamten mit Zusatzpflichten ausgestattet, gewährt werden. Man kann dies nachlesen. Ich habe mich vielfach damit auseinandergesetzt, weil im Vorschlag der Vier-in-Einem-Perspektive die soziale Sicherung von allen vorausgesetzt ist. Die Grundeinkommensbewegung ist also ein natürlicher Freund der Vier-in-Einem-Bewegung. Am klarsten findet man im Buch Gruber, Haug, Krüll, Arbeiten wie noch nie?! (Hamburg 2011) das Für und Wider in Dialogform ausgeführt. Um es kurz zu fassen: Mir klingt die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen zu bescheiden, schmeckt nach Abspeisung und erinnert historisch an Brot und Spiele aus dem alten Rom. Ich schlage daher vor, den Luxemburgischen Begriff der „ sozialen Garantien des Lebens“ zu nehmen und in ihm das Kampffeld aufzuspannen. Jetzt geht es darum, zu bestimmen, was soziale Garantien sind, wie sie an einen menschlich durchschnittlichen Lebensstandard, historisch verschieden, angepasst sein müssen und wie vor allem auch politisches Handeln, Selbstentwicklung, mitmenschlicher Umgang zu den sozialen Garantien gehören oder anders, dass die sozialen Garantien so grundlegend sein müssen, dass politisch eingreifendes Handeln, das der kulturellen Teilhabe bedarf, so abgesichert möglich ist. In betriebswirtschaftlicher Sprache: ich würde eine Art Warenkorb menschlicher Bedürfnisse diskutieren und einfordern und im Diskussionsprozess das Bewusstsein für Politik und Bewegung und Menschsein entwickeln.

6. Sie nennen „Reproduktionsarbeit“ auch „Zuwendungsarbeit“ und kritisieren es als „welthistorische Niederlage“, dass der Bereich Zuwendungsarbeit in gesellschaftlichen Verruf kam, minderwertig und unwichtig zu sein. In Zeiten der „Sparwut“ und Rückzug des Staates werden genau diese Leistungen eingespart, was zu einer Rückverlagerung in den privaten Bereich führt, sprich dass Frauen wieder vermehrt die Pflege und Betreuungsarbeiten übernehmen müssen. Wie lässt sich aus feministischer Sicht hier argumentieren?
Wieder finde ich es praktischer, zunächst sehr theoretisch anzufangen, denn, wie Rosa Luxemburg sagt: „nichts ist praktischer als eine gute Theorie“. Also besinnen wir uns, dass Kapitalismus bedeutet, dass sich der Bereich der Lebensmittelproduktion im weiteren Sinn als gesellschaftliche Hauptsache durchgesetzt hat und sich den Bereich, in dem es um das Leben geht, seine Pflege und Erhaltung nicht einfach unterworfen hat, sondern als Nebensache ausgegliedert. Wo immer es um die Versorgung und das Zueinander von Menschen geht, wird dies dem Zufall überlassen und als nicht so wichtig Frauen überantwortet, die darum auch als weniger wichtige Menschen gelten können. Soweit die theoretische Rahmenskizze.
Im Laufe der jüngeren Geschichte haben Frauen mehr Rechte errungen. Im letzten Jahrhundert auch das Recht auf Erwerbsarbeit, zunächst als Zuverdienerin, später auch schon fast als Gleichwertige – bis es zu dem Ergebnis kam, dass Frauen im Schnitt 70% der Männerlöhne bekommen – und entsprechend auch in weniger „wichtigen“. Berufen tätig sind: wie Krankenschwester, Erzieherin, Raumpflegerin, Sozialarbeiterin usw. – Die ganze Zeit aber haben sie nebenher, unentgeltlich, zuhause die stets weiter nötigen fürsorgenden Tätigkeiten übernommen, soweit sie nicht in staatliche Einrichtungen überführt wurden. Das heißt auch, sie haben aus Not Teilzeitarbeit gewählt usw. Das bedeutet nicht nur, dass Frauen stets unter Stress stehen (man nennt dies: Vereinbarkeit von Beruf und Familie), es bedeutet auch, dass sehr vieles in diesem Feld des Mitmenschlichen und der Sorge um Natur einfach ungetan liegenbleibt. – Soweit der Staat in der Krise die sozialen Bereiche zusammenkürzt, kommen auch die dorthin verlagerten Tätigkeiten – besonders was Kranke und Alte betrifft -, zurück in die privaten Haushalte und fallen hier wiederum auf Frauen. Wo die Familie der letzte Rückhalt ist, sind es die Frauen, die nun wiederum auf eigenes Leben zugunsten der notwenigen Zuwendungsarbeit verzichten müssen. –
In der grundsätzlichen Verkehrung, dass Produktion um des Gewinns willen, die Gesellschaft regelt, was ja ein barbarisches Prinzip ist, gibt es fürs Überleben diesen Zusammenhang, den ich den Herrschafsksnoten genannt habe. Die Zustimmung der Frauen, sich der liegengelassenen Aufgaben umsonst anzunehmen, einfach weil sie notwendig sind, macht zwar die Menschlichkeit dieser Menschen aus, zugleich aber verhindert es die notwendige Umwälzung, die ein gutes Leben für alle möglich macht. Hier ist Fantasie und Eigenwilligkeit nötig, diese Zumutung zugleich zurückzuweisen und doch auf menschliche Teilhabe nicht zu verzichten. Projekte an den Grenzen des Kapitalismus versuchen schon heute Experimente des Zusammenlebens, die nicht auf kosten einzelner gehen. Sie gilt es zu studieren, aus ihnen weitere Politikvorschläge zu gewinnen.

Frigga Haug, 27.07.12

Folgende weiteren Fragen werden den Lesenden zur weiteren Auseinandersetzung aufgegeben:
4 in 1 setzt bei den Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen, Arbeit, Leben und der Verantwortung für sich selbst und bei der Gestaltung der Gesellschaft an – auf gleicher Ebene, statt einander über- und unterzuordnen. Einerseits gibt es Unsicherheit und Resignation, anderseits eine wachsende Empörung. Was müssen wir tun, damit die Menschen ihre Verhältnisse mit nüchternen Augen sehen und erkennen, dass alles umgewälzt werden muss – auch die eigene Lebensweise?
8. Womit beginnen? (Übergang, Einstiegsprojekte, konkreten AkteurInnen, BündnispartnerInnen)?
Zusatzfragen: Welche Verquickung besteht zu Geschwindigkeit / Enstschleunigung/neuen Technologien?
Unser Verständnis von dem was wir unter „Politik“ verstehen ändern – Politik ist nicht gleich PolitikerInnen, Parteien…Politik machen…

Mit freundlichen Grüßen,
Maggie Jansenberger
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Unabhängige Frauenbeauftragte der Stadt Graz
Vorsitz & Geschäftsführung Grazer Frauenrat

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