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Archiv für Juli, 2012

Interview Frigga Haug mit Maggie Jansenberger

30. Juli 2012 Keine Kommentare

- Für „BlattforUm 25 “ der Plattform 25 (www.plattform25.at) Es wird am 6. Oktober erscheinen – da ist ein österreichweite Aktionstag zum Thema „wege aus der Krise“ www.wege-aus-der-krise.at

1. Ihre 4 in 1 Perspektive wird auch als „Gerechtigkeit für alle“ bezeichnet. KritikerInnen könnten sagen, dass sind Utopien, die nicht für die politische Praxis taugen.
Solche Kritik ist so richtig wie falsch. Was ist das für eine Praxis, die ohne Vision von einer anderen Welt auskommt, zu der dann dennoch praktisch aufzubrechen ist hier und jetzt? Es ist richtig, auf konkreten Forderungen zu bestehen, aber welche Forderungen zu stellen sind, bemisst sich dann doch an der Perspektive, zu der man aufbricht. Zum Beispiel wäre die Forderung: Alle sollen ein Dienstmädchen haben, damit sie nicht zu viel Schmutzarbeit verrichten müssen, sicher unpassend für die Dienstmädchen – dies auch dann, wenn wir vorher eilig Sprachpolitik betreiben, und sie kosmetisch und geschlechtergerecht RaumpflegerIn nennen. Darüber nachdenkend, erkennt man schnell, dass wir für einen gerechtere Gesellschaft über Arbeitsteilung forschen müssen und ziemlich bald vor großen notwendigen Entwürfen stehen über die Befreiung von Herrschaft überhaupt. Im Vergleich dazu wirkt das Verlangen nach Gerechtigkeit ganz alltagskonkret und praktisch, verständlich schon für Kinder.

2. Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche. Woran mangelt es in der derzeitigen Politik mehr: an Kunstfertigkeit oder an Utopien/ Visionen/?
Das Verlangen nach politischer Kunst empfiehlt ja grade, solche entweder/oder-Fragen zu vermeiden. Die Verknüpfung der vier Bereiche schlägt vor, nicht eine Politik um die Erwerbsarbeit allein zu betreiben, keine bloß um Reproduktion, keine nur für Selbstentfaltung , und keine bloß um das Recht auf politische Einmischung, weil jedes für sich verfolgt auf lange Sicht reaktionär wird. Die Politik um die Vollzeiterwerbstätigen verliert wenigstens zwei Drittel der Erwerbsfähigen aus dem Auge, taugt also nicht für das zunehmende Heer an Prekariern; die Politik um die Reproduktion landet bei den Müttern und nagelt das weibliche Geschlecht ans Kreuz der Geschichte, die Konzentration auf Selbstentfaltung schafft eine Elite und das Recht auf politische Einmischung erbringt ohne die drei anderen Bereiche Politik als Beruf, als Stellvertretung. – Man muss also die Bereiche verknüpfen, z.B. die verständliche Forderung nach Verkürzung der Erwerbsarbeit zusammen mit Forderungen, wie mit der dann frei gewordenen Zeit zu verfahren ist, formulieren. Also nicht: „Samstags gehört Vati uns“, wie dies gewerkschaftliche Forderung war, sondern: Die Erwerbsarbeit muss radikal verkürzt werden, damit alle genug Zeit haben, sich der sozialen fürsorgenden Praxen ebenso anzunehmen, wie sich selbst zu entwickeln und politisch tätig zu sein, was, wie man an der Krise hautnah erfährt, zwingend notwendig ist usw. – Man sieht an der Ausführung, dass man die Utopien/Visionen braucht, um praktisch politisch die Bereiche zu verknüpfen. – Noch ein Beispiel: Die derzeit energischste Initiative für Arbeitszeitverkürzung in Deutschland fordert die 4-Tagewoche. – Dies würde aber den wesentlichen Herrschaftsknoten, in dem die weibliche Zustimmung steckt, die jeden Tag auftretenden fürsorglichen Arbeiten, privat zu erledigen, ebenso auf Dauer stellen, wie auf eigene Entwicklung zu verzichten und sich politisch nicht einzumischen. Es ist eine Forderung vom Männerstandpunkt gestellt, die zwar damit das Ziel verfolgt, die Arbeitslosigkeit zu verringern, nicht aber, insgesamt eine andere und gerechtere und auch haltbarere Gesellschaft für alle zu verfolgen. Das Problem wird vertagt.

3. Einerseits steigt die Zahl jener, die aus der Erwerbsarbeit herausfallen, während andererseits die übrigen ›keine Zeit‹ mehr haben, bzw. sie für sich nicht finden. Sie plädieren für eine Veränderung des gesellschaftlichen Zeitregimes, dass wir die Wertigkeit unserer Zeit neu ordnen müssen. Wo muss diese Veränderung im Sinne der 4 in 1 Perspektive ansetzen?
Frage gestrichen, da in den anderen enthalten.

4. Wie kann eine Herauslösung des Arbeitsbegriffs aus der in der Form der Lohnarbeit verbrachten Tätigkeit vollzogen werden? (Teilzeitarbeit für alle!)
Das ist eine Frage nach einer Kulturrevolution. Denn praktisch existieren ja alle möglichen Arbeiten in der Gesellschaft, die auch als Arbeit bewusst sind, nur, wenn es darauf ankommt, zählt im gleichen Alltagsbewusstsein nur noch die Erwerbsarbeit als Arbeit. Das allgemeine Bewusstsein ist zu schärfen, dass in der gesellschaftlichen Gesamtarbeit eine Unmenge an Tätigkeiten stecken, deren Zuordnung zu Arbeit oder Nichtarbeit hinter dem Rücken unklar vorgeht. Man kann eine ganze Tagung damit verbringen, die einzelnen Tätigkeiten mit allerlei Beiwörtern geschmückt und verdeckt bis zur Unkenntlichkeit , wie Ehrenarbeit, Umsonstarbeit, Hobby-Arbeit, Gedankenarbeit, ideologische Arbeit, Repräsentationsarbeit, politische Arbeit, Maloche, Job, usw. – herauszuholen und gemeinsam zu diskutieren, warum und wie die Tätigkeiten in welchem Fach zu finden sind und wie sie zum allgemeinen Begreifen und zur Befreiung zu erkennen wären. – Sicher ist der Vorschlag der Vier-in-einem-Perspektive leicht verständlich als ein Ordnungsvorschlag für den Gesamtzusammenhang der Tätigkeiten. Viele können sich ans Werk setzen und die bisherigen Ausdrücke, die auf der Straße liegen, zum Tanzen bringen.
Dieses lässt sich zum Beispiel politisch aufregend tun mit dem Begriff Teilzeitarbeit. Er enthält völlig unbegriffene Setzungen, was volle Zeit, was ein Teil ist. Vor allem aber enthält er politische Erfahrung, gemacht in langen Kämpfen, dass Teilzeitarbeit ein Unglück ist und genauso schäbig wie Frauenarbeit. Alle diese Kämpfe und ihre Bedeutungen gilt es hervorzuholen und ein Bewusstsein über die Vorgänge zu schaffen. Marx folgerte am Ende seiner Analyse der Lohnarbeit: „Produktiver Arbeiter zu sein, ist daher kein Glück, sondern ein Pech.“ – Diese Einsicht ist bis heute nicht überall angekommen. Aber genauso geht es mit der „Vollzeitarbeit“, weshalb die Losung „Teilzeitarbeit für alle“, so paradox ist, wie verstörend, aufklärerisch und provokant. Alles und alle kommen in Bewegung.

5. Die lebenslange Entfaltung des eigenen Selbst braucht Zeit und den Raum, sowie das Recht auf eigene Wege auch bei eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten. „Sozialen Garantien des Lebens“ (Rosa Luxemburg) gelten als unbedingte Voraussetzung dafür, dass politische Beteiligung möglich wird. Wie kann eine solche soziale Garantie aussehen?
In Österreich und in Deutschland wird vielfach der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Dieser Vorschlag antwortet zum einen auf die Lage des wachsenden Prekariats, also auf die schwierigen Bedingungen, unter denen die vielen Menschen leben müssen, die aus dem gesellschaftlichen Ewerbsprozess herausgefallen sind und nun in irgendeiner Form staatliche Unterstützung bekommen, die unter erniedrigenden und stark kontrollierenden Formen auch von inkompetenten Beamten mit Zusatzpflichten ausgestattet, gewährt werden. Man kann dies nachlesen. Ich habe mich vielfach damit auseinandergesetzt, weil im Vorschlag der Vier-in-Einem-Perspektive die soziale Sicherung von allen vorausgesetzt ist. Die Grundeinkommensbewegung ist also ein natürlicher Freund der Vier-in-Einem-Bewegung. Am klarsten findet man im Buch Gruber, Haug, Krüll, Arbeiten wie noch nie?! (Hamburg 2011) das Für und Wider in Dialogform ausgeführt. Um es kurz zu fassen: Mir klingt die Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen zu bescheiden, schmeckt nach Abspeisung und erinnert historisch an Brot und Spiele aus dem alten Rom. Ich schlage daher vor, den Luxemburgischen Begriff der „ sozialen Garantien des Lebens“ zu nehmen und in ihm das Kampffeld aufzuspannen. Jetzt geht es darum, zu bestimmen, was soziale Garantien sind, wie sie an einen menschlich durchschnittlichen Lebensstandard, historisch verschieden, angepasst sein müssen und wie vor allem auch politisches Handeln, Selbstentwicklung, mitmenschlicher Umgang zu den sozialen Garantien gehören oder anders, dass die sozialen Garantien so grundlegend sein müssen, dass politisch eingreifendes Handeln, das der kulturellen Teilhabe bedarf, so abgesichert möglich ist. In betriebswirtschaftlicher Sprache: ich würde eine Art Warenkorb menschlicher Bedürfnisse diskutieren und einfordern und im Diskussionsprozess das Bewusstsein für Politik und Bewegung und Menschsein entwickeln.

6. Sie nennen „Reproduktionsarbeit“ auch „Zuwendungsarbeit“ und kritisieren es als „welthistorische Niederlage“, dass der Bereich Zuwendungsarbeit in gesellschaftlichen Verruf kam, minderwertig und unwichtig zu sein. In Zeiten der „Sparwut“ und Rückzug des Staates werden genau diese Leistungen eingespart, was zu einer Rückverlagerung in den privaten Bereich führt, sprich dass Frauen wieder vermehrt die Pflege und Betreuungsarbeiten übernehmen müssen. Wie lässt sich aus feministischer Sicht hier argumentieren?
Wieder finde ich es praktischer, zunächst sehr theoretisch anzufangen, denn, wie Rosa Luxemburg sagt: „nichts ist praktischer als eine gute Theorie“. Also besinnen wir uns, dass Kapitalismus bedeutet, dass sich der Bereich der Lebensmittelproduktion im weiteren Sinn als gesellschaftliche Hauptsache durchgesetzt hat und sich den Bereich, in dem es um das Leben geht, seine Pflege und Erhaltung nicht einfach unterworfen hat, sondern als Nebensache ausgegliedert. Wo immer es um die Versorgung und das Zueinander von Menschen geht, wird dies dem Zufall überlassen und als nicht so wichtig Frauen überantwortet, die darum auch als weniger wichtige Menschen gelten können. Soweit die theoretische Rahmenskizze.
Im Laufe der jüngeren Geschichte haben Frauen mehr Rechte errungen. Im letzten Jahrhundert auch das Recht auf Erwerbsarbeit, zunächst als Zuverdienerin, später auch schon fast als Gleichwertige – bis es zu dem Ergebnis kam, dass Frauen im Schnitt 70% der Männerlöhne bekommen – und entsprechend auch in weniger „wichtigen“. Berufen tätig sind: wie Krankenschwester, Erzieherin, Raumpflegerin, Sozialarbeiterin usw. – Die ganze Zeit aber haben sie nebenher, unentgeltlich, zuhause die stets weiter nötigen fürsorgenden Tätigkeiten übernommen, soweit sie nicht in staatliche Einrichtungen überführt wurden. Das heißt auch, sie haben aus Not Teilzeitarbeit gewählt usw. Das bedeutet nicht nur, dass Frauen stets unter Stress stehen (man nennt dies: Vereinbarkeit von Beruf und Familie), es bedeutet auch, dass sehr vieles in diesem Feld des Mitmenschlichen und der Sorge um Natur einfach ungetan liegenbleibt. – Soweit der Staat in der Krise die sozialen Bereiche zusammenkürzt, kommen auch die dorthin verlagerten Tätigkeiten – besonders was Kranke und Alte betrifft -, zurück in die privaten Haushalte und fallen hier wiederum auf Frauen. Wo die Familie der letzte Rückhalt ist, sind es die Frauen, die nun wiederum auf eigenes Leben zugunsten der notwenigen Zuwendungsarbeit verzichten müssen. –
In der grundsätzlichen Verkehrung, dass Produktion um des Gewinns willen, die Gesellschaft regelt, was ja ein barbarisches Prinzip ist, gibt es fürs Überleben diesen Zusammenhang, den ich den Herrschafsksnoten genannt habe. Die Zustimmung der Frauen, sich der liegengelassenen Aufgaben umsonst anzunehmen, einfach weil sie notwendig sind, macht zwar die Menschlichkeit dieser Menschen aus, zugleich aber verhindert es die notwendige Umwälzung, die ein gutes Leben für alle möglich macht. Hier ist Fantasie und Eigenwilligkeit nötig, diese Zumutung zugleich zurückzuweisen und doch auf menschliche Teilhabe nicht zu verzichten. Projekte an den Grenzen des Kapitalismus versuchen schon heute Experimente des Zusammenlebens, die nicht auf kosten einzelner gehen. Sie gilt es zu studieren, aus ihnen weitere Politikvorschläge zu gewinnen.

Frigga Haug, 27.07.12

Folgende weiteren Fragen werden den Lesenden zur weiteren Auseinandersetzung aufgegeben:
4 in 1 setzt bei den Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen, Arbeit, Leben und der Verantwortung für sich selbst und bei der Gestaltung der Gesellschaft an – auf gleicher Ebene, statt einander über- und unterzuordnen. Einerseits gibt es Unsicherheit und Resignation, anderseits eine wachsende Empörung. Was müssen wir tun, damit die Menschen ihre Verhältnisse mit nüchternen Augen sehen und erkennen, dass alles umgewälzt werden muss – auch die eigene Lebensweise?
8. Womit beginnen? (Übergang, Einstiegsprojekte, konkreten AkteurInnen, BündnispartnerInnen)?
Zusatzfragen: Welche Verquickung besteht zu Geschwindigkeit / Enstschleunigung/neuen Technologien?
Unser Verständnis von dem was wir unter „Politik“ verstehen ändern – Politik ist nicht gleich PolitikerInnen, Parteien…Politik machen…

Mit freundlichen Grüßen,
Maggie Jansenberger
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Unabhängige Frauenbeauftragte der Stadt Graz
Vorsitz & Geschäftsführung Grazer Frauenrat

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“Anschläge”: Interview mit Frigga Haug

30. Juli 2012 Keine Kommentare

für das feministische Magazin “Anschläge” für die Septembernummer mit dem Schwerpunkt “Wie wir arbeiten wollen”
Das Interview führte Brigitte Theißl, Wien  am 27.7.12

1) In Ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ geht es unter anderem um die Entwicklung der menschlichen Sinne und der Kultur. Dürfen wir in Zeiten von Finanz- und Staatsschuldenkrise über solche Dinge nachdenken?

Die Große Krise trifft die einzelnen ja nicht unmittelbar in der Form der Staatsschuld oder des Bankencrashs, sondern anders: Als Drohung von Arbeitslosigkeit und Armut, als Zweifel an der Planbarkeit des Lebens. Kurz die Krise nötigt auch zur Besinnung auf den Sinn des Lebens, die eigene Stellung in Gesellschaft, auf nützliches Tun. Dies ist ja genau der Moment, an dem über ein gutes Leben, jenseits von Konsum und immer mehr Konsum nachzudenken ist. Zum guten Leben aber gehört für mich die Entwicklung aller Sinne, also künstlerische Potenziale in sich zu entdecken und zu pflegen, genussvolle Tätigkeiten anzustreben, kurz, sich als Mensch und eben nicht als Konsument zu bejahen.

2) Die „Vier-in-einem-Perspektive“ verbindet die Bereiche der fürsorgenden Arbeit, des politischen Engagements, der persönlichen Entwicklung und der Erwerbsarbeit, die radikal gekürzt werden soll. Es geht dabei also um eine gerechtere Verteilung von Zeit – und nicht von Arbeit?

Natürlich geht es um eine gerechte Verteilung von Arbeit – d.h. um das Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz, das Recht auf fürsorgende Arbeit, auf die Entwicklung seiner Fähigkeiten, auf politische Arbeit. Um diese vier Bereiche als Arbeit zu sprechen und gehört zu werden, braucht es eine Kulturrevolution. Zu fest sitzen die alten Gewohnheiten als Vorstellung in den Köpfen. „Willst Du im Ernst sagen, dass es genauso Arbeit ist, wenn ich Cello spiele zuhause, als wenn ich im Bergwerk arbeite?“ fragte mich eine Mitstreiterin empört. Man hört die Verachtung des Cellospiels als Luxus und erkennt den Blick auf Erwerbsarbeit festgeheftet an vergangene Formen männlicher Lohnarbeit und die damit einhergehende Achtung, dass nur dies zu respektieren sei. Reproduktionsarbeit verwandelt sich unvermittelt ins Windeln wechseln, als stünde hier nicht in Frage, wie Menschen sich menschlich zueinander verhalten usw. Hier umzudenken ist ein langer Prozess. Er ist notwendig. Einfacher, wenn auch abstrakter scheint die Einigung, dass in jedem Fall um die Verfügung über Zeit zu kämpfen ist mit dem Ziel der selbstbestimmten Zeit für alle vier Bereiche. Arbeit ist Zeitverwendung. Ausbeutung ist Verfügung über fremde Arbeitskraft und also Zeit. Die Themen hängen also ineinander.

3) In Diskussionen um eine Arbeitszeitverkürzung wird sehr schnell die Frage gestellt: „Wer soll das bezahlen?“

Diese Frage ist an sich ungeheuerlich. Sie fragt vor dem Hintergrund einer so großen Produktivkraftentwicklung, dass nur noch die Hälfte oder weniger der notwendigen Arbeitszeit gebraucht wird, um die gesellschaftlich notwendige Arbeit zu  erledigen. Wenn man also die Erwerbsarbeitszeit nicht entsprechend verkürzt, heißt das, man schafft Arbeitslose. Wer zahlt diese?  Oder steht hinter der Frage gar die Idee, man sollte die Arbeitslosen verhungern lassen und aus der Gesellschaft herauswerfen – sie „an den Rändern verlieren“ wie Peter Hartz der Autor der Hart4-Regelung vorschlug. Mit andere Worten: Die jetzige Lösung stuft einfach einen Teil der Bevölkerung aufs Existenzminimum und bezahlt nur den anderen Teil, stets weniger übrigens, wenn man nicht zu den ganz Oberen gehört. Aber bezahlt werden muss in jedem Fall. Gerechte Verteilung des erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtums auf alle, setzt eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit voraus.

4) Frauenpolitische Diskussionen drehen sich in Österreich und Deutschland gegenwärtig häufig um Quoten, Kinderbetreuungsplätze und Sorgerecht. Braucht auch die Frauenpolitik mehr Utopien?

Die Frage gefällt mir, weil sie mich zwingt, genauer zu denken und zu sprechen. Natürlich sind Quoten, Sorgerechtsfragen, Kinderbetreuung ganz wichtige aktuelle Aktionsfelder. Aber sie sind nicht das Ziel, wohin wir aufbrechen wollen. Eine Gesellschaft, die hälftig in Frauen und Männer geteilt ist, aber sonst die gleichen Ungerechtigkeiten und Barbarisches verfolgt wie die unsere, ist nicht unser Ziel. Die Quote ist also Weg, nicht Ziel. Die Betreuungs- und Rechtsfragen müssen geregelt werden, aber unsere Gesellschaft mit Kriegen, Krisen und immer größerer Verwahrlosung von so vielen, braucht mehr. Wichtig ist, sich nicht mit „Frauenfragen“ bescheiden zu lassen, sondern das, was als Frauenfrage auftaucht, in eine Menschheitsfrage zu übersetzen und so vom Frauenstandpunkt eine Utopie, eine Perspektive für alle zu entwerfen, deren treibendes Motiv nicht der Gewinn ist, sondern eine fürsorgende, also menschliche Gesellschaft.

5) Bei einem Vortrag in Wien haben Sie gesagt: „Das 4-in-1-Projekt setzt ein nach der Herausbildung von geschulten Widerstandsbewegungen und der Bereitstellung von Erkenntnis über die Unmöglichkeit dieses kapitalistischen Projekts“. Wie könnte eine feministische Bewegung „von unten“ aussehen?

Eine feministische Bewegung kann sich bilden an ganz unterschiedlichen Punkten, an denen das Gewohnte, die alltägliche Unterdrückung nicht länger ertragen wird. Irgendwo, und man kann nicht vorhersagen oder gar planen, wo das geschieht, bricht langer Zorn aus, der Funke springt über, viele schließen sich an, erkennen sich und ihre Belange, stellen die bisherigen Arbeiten, die den Tag ausfüllten, hintan und setzen sich in Bewegung. Man kann dies an der vergangenen Frauenbewegung studieren. Es ist wichtig, sich zu erinnern.

Wie kam es, dass Frauenbewegung möglich wurde? Meine These ist, dass es die Ungleichzeitigkeit war, die zur Zuspitzung heranreifte: viele Jahre sozialdemokratische Regierungen mit Reformen, die Freiheit versprachen und zugleich die bleibende Fixierung der Frauen an die alten Formen der Kleinfamilie, Hausfrau, Mutter, Kind, ganz gleich, was man zuvor gewollt hat, gelernt, studiert. Das Leben schien ein Projekt, man selbst seine Autorin und plötzlich, da hatte man noch nicht richtig angefangen, kam ein Kind und alles war zu Ende. Keine Kinderbetreuung, keine Möglichkeit, einfach so dahinzuleben, Pläne, Geld ein geregeltes Dasein, Verantwortung wurden nötig. Politische Einmischung, die im Aufbruch der Studentenbewegung selbstverständlich war, wurde schwer bis unmöglich; studieren mit Baby kaum machbar, Geige spielen wäre viel zu laut gewesen, und so ging einer hinaus ins Leben zum Geldverdienen, eine blieb zuhause als Hausfrau, sparsam und widerwillig mit dem unglücklichen Bewusstsein, nicht normal zu sein. Das geschah massenhaft, geschieht bis heute. Die Freiheiten, die in der Studentenbewegung erkämpft wurden, galten nicht für die Frauen. So sammelten sie sich, tauschten Erfahrungen aus und erkannten, dass sie alle nicht normal waren, zunächst also gegen Normalität zu streiten war. Usw. – Ich will damit vieles zugleich sagen: Man kann Bewegung von unten nicht machen. Sie entsteht an allzu großen Widersprüchen, wenn Hoffnung und Fähigkeiten gegen Grautöne und das Nichtvorgesehensein als Mensch in Gesellschaft zusammenstoßen.

Was können wir tun? Unter wir meine ich die geschulten Intellektuellen, die sich der Veränderung von Gesellschaft verschrieben haben und so auch wissen, dass dies keine Tat von einzelnen ist, sondern Bewegung dafür notwendig ist, sie der Stoff ist, aus der Neues sich herausbildet. Wie also können wir, als „organische Intellektuelle“, wie Antonio Gramsci das nennt, der Herausbildung von Bewegung und dann den Bewegungen selbst dienen? Reflektieren wir, was wir tun. Wichtig ist, den üblichen Medien entgegengesetzt, nicht dauernd die Zahlen des Elends durchzubuchstabieren und zu wiederholen. Das lähmt und stärkt Ohnmacht. Wichtig ist es dagegen, überall zu studieren, wo sich Widerstand regt. Die Nachrichten zu sammeln, zu verbreiten, sie auszustellen. Es ist erstaunlich, wie viel Bewegung es in der Gesellschaft schon gibt. Dann gilt es, das Vielfältige zusammenzufassen, zu Losungen zu verdichten, eine Sprache zu finden, die eine jede versteht und mit der sie sich gemeint fühlt.

Es wird dies nicht möglich sein, wenn man keine Perspektive hat, keine Vision, keine Utopie, wie Gesellschaft anders sein könnte, in der auch Frauen als Menschen entscheidend wären. Als eine solche Utopie begreife ich die Vier-in-Einem-Perspektive. Sie ist eine solche Zusammenfassung und Orientierung des schon vorhandenen Protests, fügt die einzelnen Elemente zusammen. In der Zusammenfügung, die empfiehlt, immer alle Vier Bereiche zugleich anzurufen, liegt das Neue. Die Zusammenfügung ist aber notwendig, um den Herrschaftsknoten zu erkennen und an seine Entwirrung zu schreiten, der diese Gesellschaft als schlechte und in Krise geratene immer wieder hält, dass sie das Vertrauen in sich nicht verliert. Dieser Herrschaftsknoten ist geknüpft aus der Stellung der Lohnarbeit im Gesamt der Arbeiten, aus der geschlechtsspezifischen Verteilung und gleichzeitigen Marginalisierung der fürsorglichen Arbeit, was auf die Zustimmung der Frauen setzt, auf den Verzicht auf eigene Entfaltung und politische Passivität. An ihm also ist anzusetzen. Es ist nicht vorherzusagen, wie lange es währt, bis ganz viele sich an die Lösung dieses Knotens machen, aber es ist klar, dass Frauen dabei am entscheidenden Hebel sitzen, weil der Knoten nur mit ihrer Zustimmung hält.

 

Frigga Haug, Los Quemados, 27.7.12

 

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