Home > Artikel > Vier-in-einem Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen

Vier-in-einem Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen

18. Dezember 2010

Frigga Haug

Wie weiter mit den Diskussionen um die Vier-in-einem Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen?

Überarbeitetes Redemanuskript

Ich danke Euch, dass Ihr hier so gespannt sitzt. Ich bin etwas in der Klemme. Ich habe hier in diesen Räumen schon einmal die Vier-in-Einem-Perspektive vor sehr Vielen lebendig vorgestellt. Ich begann mit einem Märchen und konnte so die Zuhörenden von Anfang an hineinziehen. Das kann ich nicht einfach wiederholen. Gestern habe ich mit Gregor Gysi in Hannover eine Veranstaltung zur Vier-in-einem-Perspektive gemacht, vorgestern im Teutoburger Wald mit Gewerkschaftern, usw.  Jetzt denke ich: nun kennen sie alle. Es ist für mich fast unmöglich, sie immer weiter vorzustellen. Zudem habe ich hier die klugen Frauen gehört, die meine Bedenken bei dem bedingungslosen Grundeinkommen zu zerstreuen begannen. So können wir schon wieder weiter gehen. Beim Zuhören habe ich unendliche Massen von Notizen gemacht, durch die ich jetzt ganz schnell durchkommen muss, um etwas Wesentliches festzuhalten. Beim Zuhören habe ich den ursprünglichen Plan, die Vier-in-einem Perspektive einfach mit einem anderen Einstieg noch einmal vorzutragen, verworfen. Ich steige jetzt quer ein mitten in die begonnene Auseinandersetzung.

Vorweg: Ich habe in der Diskussion schon gesagt, dass mein Verhältnis zum Bedingungslosen Grundeinkommen irgendwie ambivalent  ist, weil ich einerseits begeistert bin, dass es eine Bewegung gibt – ähnlich wie bei Stuttgart 21. Da sind es zwar Bürger, aber gleichwohl ist es eine Bewegung, bei der man sieht, dass die Menschen sich nicht alles gefallen lassen, dass man Hoffnung schöpfen kann, dass es weitergeht, dass sich der Protest auch auf andere Bereiche ausdehnt. Das ist auch die gute Seite am bedingungslosen Grundeinkommen. Zum anderen gefällt mir der Name nicht:  Bedingungsloses Grundeinkommen, das hört sich für mich so an, und das ist ja wohl auch so angezielt, dass der Staat den Menschen, die diese Gesellschaft nicht mehr einbezieht in die gesellschaftliche Arbeit, ein Geld geben. So belästigen sie uns nicht weiter mit ihrer Not, keinen Arbeitsplatz zu haben. Und heraus kommt so etwas wie Brot und Spiele, die Politik im Alten Rom, da diejenigen, die nicht mehr gebraucht wurden, ernährt wurden und ihnen zu ihrer Erheiterung Spiele geboten wurden. Und das war das ihnen zugestandene Leben. Aus  dem Ungenügen einer solchen Perspektive habe ich als erstes begonnen, (wie dies in der Einführung von Waltraud Waidelich schon angedeutet wurde), innerhalb der Partei die LINKE die Frage des Grundeinkommens in einen Zusammenhang zu stellen, der den Stellenwert der Arbeit im Programm diskutiert. Hier habe ich vorgeschlagen, zunächst den Namen zu ändern, und es „die sozialen Garantien des Lebens“ zu nennen, wie dies auch Rosa Luxemburg tut. So gesprochen, wird es nicht so schwerfallen, ein allgemeines Einverständnis zu finden. Ich bin auch dafür, dass alle Menschen die sozialen Garantien des Lebens bekommen. Es gibt also keinen Dissens im Ethisch-Moralischen. Dieses Einverständnis vorausgesetzt habe ich mit der Politik fürs bedingungslose Grundeinkommen drei Hauptprobleme: erstens also das Begriffs- oder Namensproblem, das ja auch ein Hegemonieproblem ist. Das heißt, wen will solche Politik zur Zustimmung gewinnen? Das zweite ist die Perspektive. Da hat aber meine Vorrednerin, Gabriele Winker, schon eine Weile lang versucht, meine Bedenken zu zerstreuen. Also eine Perspektive soll auch im Grundeinkommen die Beseitigung von Frauenunterdrückung sein, mit der ich mich primär theoretisch und politisch befasse. Ist aber Frauenunterdrückung wesentlich eine Geldfrage? Das ist das eine und das andere: Ist eigentlich in dieser Gesellschaft die Beteiligung der Mitglieder an ihr auch eine Rechenfrage? Ist es so, dass wir uns die Beteiligung der Mitglieder an ihrer Gesellschaft so vorstellen, dass dann alle, wie Ihr nach dem ersten Vortrag, dasitzen und gemeinsam ausrechnen, wie hoch das Grundeinkommen eigentlich sein müsste, wie viel Prozent die positive Steuer für die Reichen und die negative Steuer für die Armen ausmachen müsste, um dann zu sehen, dass die Schere zwischen arm und reich zwar bleibt, jedoch ein klein wenig mäßiger ausfällt und das Projekt aus den Steuern finanzierbar ist? Und das Ganze der Frauenunterdrückung und der gesellschaftlichen Regelung in ein  großes Rechenexperiment umgebaut werden kann, oder haben wir nicht doch auch andere Probleme in dieser Gesellschaft, sowohl in unserer als auch global. Aber auch für diese Frage bin ich schon ein bisschen in andere Bahnen gelenkt worden. Dieses grundsätzliche Problem stellt sich ja wohl nur dann, wenn ich die Grundeinkommensfrage so ernst nehme, dass sie sozusagen Standpunkt und Perspektive meiner Politik bestimmt. Vielleicht sollte ich das nicht, vielleicht erarbeiten wir zusammen eine andere umfassendere Perspektive, in der das Grundeinkommen nur ein Mosaikstein ist, den wir dann entsprechend einbauen. Ich weiß nicht, ob das geht.

Ich habe  die Vier-in-einem-Perspektive bestimmt schon fünfzig Mal vorgestellt. An jedem Ort, verstärkt in Österreich, tritt irgendwann irgendeine Gruppe auf oder ein einzelner Mensch und sagt: „Aber wollen wir denn nicht das Bedingungslose Grundeinkommen diskutieren“ und von Stund an geht keine andere Diskussion mehr – es ist eine fast imperialistische Bewegung, denn jetzt wird darauf bestanden, dass dieses diskutiert werde, alles darüber Hinausgehende ist verloren. Dazu muss ich ergänzen, dass alle Grundeinkommensbefürworter, die ich gehört habe, einverstanden sind mit vierineins und behaupten, das ließe sich  prima zusammenbauen. Wir können einen Synergieeffekt erzielen, wenn wir gemeinsam Politik machen. Das einzige Hindernis, das in mir selber liege, könne ich abschaffen, indem ich niemals mehr über Arbeit spreche. Arbeit hört sich nämlich sofort nach Arbeitspflicht, nach Zwangsarbeit an. Wir möchten die Gesellschaft ohne Arbeit denken.

Und das ist jetzt mein zentrales, mein generelles Hauptproblem mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Ich kann nicht ohne Arbeit denken. Wenn ich versuche, mir die Gesellschaft vorzustellen, wie sie ist, wie ich sie kritisiere, wie sie sein könnte. Immer ist Arbeit darin zentral. Ich kriege es nicht hin, einen gesellschaftlichen Zusammenhang ohne Arbeit zu denken. Das liegt vermutlich daran, so könnte man behaupten, weil ich eine Marxistin bin. Aber ich weiß nicht, ob ihr das ernsthaft überhaupt selber könnt. Mein Denken funktioniert also nicht, wenn ich des Denkens von Arbeit beraubt bin. Vielleicht lerne ich das noch im anschließenden Workshop.

Das nächste Problem ist unsere Sprache selbst. Wir können doch eigentlich gar nicht anders sprechen als gewissermaßen metaphysisch, d.h. die Worte, die wir benutzen, kleben fest an den Dingen und nun wissen wir, wie die Dinge sind, auf denen diese Worte sitzen. Aber das ist für jede Bewegung, für jede Veränderung, für jede Politik eine ganz fragwürdige Denkweise. Wir müssen ja die Dinge im Fluss der Bewegung denken und uns darin, die Dinge verändernd und die Dinge sich verändernd und uns dann wieder, wie wir die veränderten Dinge wahrnehmen. Das merkt ihr ganz schnell, wenn Ihr die Probe mit euch macht, über Arbeit zu reden. Zum Beispiel meinen die Vertreterinnen des bedingungslosen  Grundeinkommens, wenn sie über Arbeit sprechen, automatisch Lohnarbeit und nichts anderes. Das kam ja in unserer Diskussion auch schon vor. Und dann, wenn man eine andere Arbeit einführt, z.B. das, was Reproduktionsarbeit genannt wird und den sorgenden Umgang von Menschen mit Menschen meint, scheint das zunächst auch einfach ins Konzept zu passen. Aber wenn der Diskurs jetzt weitergeht, rutscht es wieder zurück in die Lohnarbeit wegen der Kritik an der Arbeitspflicht, die als Nötigung empfunden und eben durchs Grundeinkommen abgeschafft sein muss. Aber die Arbeitspflicht existiert ja bei Reproduktions-, Pflege oder Sorgearbeit ohnehin immer. Sie kommt ja aus der Sache selbst, sozusagen aus den bedürftigen anderen Wesen. Dazu braucht man niemanden zu verpflichten. Da schreien die Aufgaben einen an wie bei Frau Holle, wo die Apfelbäume rufen: schüttle uns, die Äpfel sind schon lange reif; oder das Brot im Ofen schreit: zieh uns heraus, wir sind schon längst gebacken. Von den wirklich schreienden kleinen und großen Menschen will ich hier gar nicht reden. Das versteht sich von selbst. Also passt es schon wieder nicht. Die Logik der Sprache macht mit uns eine Politik, die uns eigentlich auch zwingt, anders zu sprechen.

Dazu kommt noch ein Problem, über das zu sprechen, ich von der Veranstalterin gebeten wurde. Die Diskussion ums Grundeinkommen beginnt auch bei den beiden Vorrednerinnen mit der Ursünde, nämlich mit Hartz. Das ist unsere neue  Zeitrechnung. Am Anfang war Peter Hartz. Vorher gibt es keine Geschichte und keine anderen Entwicklungen und gar nichts. Natürlich ist Peter Hartz ein unglaubliches Wesen, ein platter Nichtdenker, eine politische Gemeinheit. Aber genügt das, ihn als Anfang zu setzen? Ich habe eine Analyse zum  Hartz-Projekt geschrieben, die ich euch zur Lektüre empfehle. (Sie ist im Buch zur Vier-ein-einem Perspektive abgedruckt[1]). Damit kann man Straßentheater machen. Mein Text ist eine einzige Satire, die nichts anderes tut, als Hartzsätze aneinander zu montieren. Bis daraus sein Menschenbild hervortritt. Und dies sieht do aus: Der Mensch ist eine Maschine, die bedauerlicherweise nicht vollständig ausgelastet ist. Es gibt zu viele Stillstandszeiten. Die Menschen wachsen heran, das braucht sehr lange, dann später sind sie lange alt und ausgedient. Sie werden krank: Sie genießen Sonn- und Feiertage, Ferien, Urlaube u.s.w. Und sie arbeiten ohnehin nicht 24 Stunden am Tag, wie eine richtig gute Maschine. Alle Zeit, in der sie nicht arbeiten, müssen wir als Stillstandszeiten sehen, weil der Mensch eben eine Maschine ist. Wenn ihr das gelesen habt, seid ihr furchtbar wütend, nehme ich an. Und es bleibt als Frage übrig: Wer ist eigentlich der Mensch? Und wenn Ihr Euch die Frage so philosophisch stellt, würdet ihr niemals mit Peter Hartz beginnen zum Politik machen, sondern ganz anders, ganz weit vorher. Ich versuche das jetzt einmal. Ich Stelle euch an dieser Stelle die philosophische Fundierung der 4in1-Perspektive vor. Und gehe dann in die  einzelnen Bereiche, sodass wir das Ganze  dann gemeinsam diskutieren können. Das heißt, wir setzen jetzt auf den gemeinsamen Diskussionsprozess, weil ich mich weigere, die 4in1Perspektive noch einmal ausführlich vorzustellen, sondern empfehle, sie sich selbst anzueignen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten: sie steht im Netz, ihr könnt sie schon von mir gehört haben, ich hab hier einige im Raum gesehen, die schon beim letzten Mal dabei waren, und sie ist auch in dem Buch gleichen Namens  ausführlich vorgestellt.

Die philosophische Fundierung des Projekts der Vier-in-einem Perspektive beginnt mit der Frage nach dem Anfang. Dieses Projekt ist selber ein Ergebnis von etwa 30 Jahren Frauenpolitik und -Theorie mit dem Versuch, herauszubekommen, woher eigentlich Frauenunterdrückung kommt. Das ist doch erstaunlich, dass wir seit hunderten von  Jahren Frauenunterdrückung kennen, ja eigentlich über Jahrtausende und sie ändert sich nicht sehr stark. Ich habe eine ganze Reihe von Erklärungsversuchen gemacht. Zum Beispiel bleibt Frauenunterdrückung, indem wir einfach  die Strukturen betätigen und darin leben: Jammere nicht leiste Widerstand, hieß einer unserer[2] ersten Texte. Dann glaubten wir, z.B. Frauen seien nicht so gut gebildet wie Männer. Wir müssten sofort eine große Bildungsanstalt für politische Erziehung für Frauen gründen, und dann werde der Zeitpunkt kommen, an dem wir die Frauenunterdrückung einfach abschütteln. Das war natürlich ein Irrtum. Die verschiedenen Versuche bewegen sich schon auch auf einem richtigen Weg, jedoch genügt das offenbar nicht. Wie dann?

Die jetzt knapp vorzustellende philosophische Fundierung verbindet uns auch mit den vorhergehenden Beiträgen und der oben gestellten Frage: Wie kann es uns gelingen,  dass wir, wenn wir von Arbeit sprechen nicht bloß Erwerbsarbeit meinen, oder, wenn wir Reproduktionsarbeit sagen, wir zwar verzweifelt sind, dass das so ein scheußlicher Begriff ist, aber dann auch nicht richtig sehen, in welches Verhältnis wir das zu Erwerbsarbeit setzen wollen. Gabriele Winker hat gesagt, wir müssen Reproduktionsarbeit zentraler setzen. Das reicht mir nicht, deswegen also die philosophische Fundierung der 4in1-Perspektive. Es beginnt damit, dass es die Menschen sind, die ihre Gesellschaft machen, die ja nicht bloß als Zwangsverhältnis um sie herumsteht, oder vereinfacht gesprochen gehen wir davon aus, dass Menschsein eine Tätigkeit ist. Menschen machen ihre Geschichte, indem sie tätig sind. Zunächst geht es um zwei Arten von Produktion: die Menschen produzieren Leben, ihr eigenes, indem sie es erhalten und weiterentwickeln und fremdes, indem sie Kinder in die Welt setzen. Für beides brauchen sie Mittel zum Leben. Die Produktion der Lebensmittel, die am Anfang der Geschichte äußerst beschwerlich und zeitintensiv war, suchen sie in der historischen Entwicklung immer zeitsparender zu gestalten. Die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, heißt es dann, verstanden als die Weise, wie mit der Natur umgegangen wird, dass Mittel zum leben gewonnen werden, verkürzt die Zeit, in der das Lebensnotwendige hergestellt wird. So kann ein Überschuss produziert werden, können neue Mittel erfunden werden, die die Zeit der notwendigen Arbeit weiter verkürzen. Dieses erbringt das äußerst widersprüchliche oder auch zwielichtige Ergebnis, dass menschliche Entwicklung zwar Zeit und Raum finden kann – man muss nicht mehr 16 Std. arbeiten, um aus einem Acker das zum Überleben Notwendige zu gewinnen –  erinnert Euch an den großen und den kleinen Klaus, in dem dies das Thema war – , wiewohl das noch in einigen Ländern der 3. Welt der Fall ist. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, können Arbeitskräfte freigestellt werden für andere Aufgaben. Eine allgemeine Arbeitsteilung findet statt, und es kann Reichtum akkumuliert werden. Der Bereich der Lebensmittelproduktion erweist sich als äußerst dynamisch. Er ist Quell von Entwicklung, von Bereicherung, von Entfaltung und vor allem bietet er die Möglichkeit, Profite zu machen, andere für sich arbeiten zu lassen, aus der Verfügung über deren Arbeitskraft Gewinne zu erzielen. Ich verfolge die Entwicklung dieses Bereichs jetzt an dieser Stelle nicht weiter, denn das ist schon wieder der Bereich, in dem wir dann Erwerbsarbeit  finden und Lohnarbeit und Kapital und wende mich dem Bereich zu, den wir Lebensarbeit nennen könnten, und der heute gemeinhin Reproduktionsarbeit genannt wird. – (Denkt wirklich mal über einen anderen Begriff nach, denn der Reproduktionsbegriff führt uns in die Irre.) Im historischen Verlauf ist leicht studierbar, wie dieser Bereich, der anfänglich das Ziel war, für den die sog. Lebensmittel produziert wurden, zum untergeordneten Bereich wurde, dessen Wohlergehen ein Beiprodukt wurde des jetzt übergeordneten Bereichs der Lebensmittelproduktion. Das gilt in jeder Hinsicht, materiell: man verdient dort wenig oder nichts, weil dort das meiste aus Liebe getan werden sollte; politisch, die Fragen erscheinen als relativ marginal verglichen zu den ernsthaften Dingen der Gesellschaft im Großen wie Wirtschaft, Banken, Finanzen, Krise, Krieg und so etwas und ideologisch: Was ist schon eine Hausfrau verglichen zu einem Facharbeiter in einem Industriewerk. Indem also Leben fast zufälliges Beiprodukt der Produktion seiner Mittel wird, nennen wir dieses eine grundsätzliche Verkehrung von Mittel und Zweck. Diesen philosophischen Ausdruck einer Zweck-Mittel-Verkehrung versteht man,  glaube ich, ganz schnell. Unter solchen Bedingungen geraten auch Sinn und Ziel des gemeinschaftlichen Lebens in ein hierarchisches Verhältnis zueinander. Insofern müssen wir für weitere Forschungsaufgaben das Zueinander der beiden Produktionen studieren: im Zeitverbrauch, in Bezug auf die Akteure und auf die Lebensweise. Solange die Gesellschaften diese Fragen der eigenen menschlichen Reproduktion in einer dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung angemessenen Weise nicht gelöst  haben, stürzen diese  liegen gelassenen gesellschaftlichen Aufgaben hinterrücks als Krisen und Katastrophen auf sie herab. Sie werden in kleinen Teilen als Reformvorhaben in Bildung, Rente, Gesundheitswesen, Familie usw. diskutiert, der Geldmangel und fehlender Reformwille beklagt, halbherzig verschoben, ohne dass jemals die Verkehrung der menschlichen Ziele, nämlich die Produktion der Mittel zum leben dem Leben selbst vorzuziehen und sodann profitlich zu organisieren, zurückgedrängt wird. Kapitalismus bedeutet also, dass die Fragen der Lebensmittelproduktion denen der Lebensproduktion so bestimmend übergeordnet sind, dass die Zerstörung der Lebensgrundlage die Folge ist. In dieser Ordnung der Bereiche besetzen Frauen herkömmlich den der Lebensproduktion im weiteren Sinn, das wissen wir alle. Damit werden sie zu ungleichen, weniger wichtigen Menschen, die entsprechend anders in der Gesellschaft unterworfen sind, dies bis in die Persönlichkeitsstrukturen hinein. Geschlechterverhältnisse sind demnach nicht einfach Mann-Frau-Beziehungen. Sie sind auch keine Charakterfragen autoritärer oder masochistischer Persönlichkeiten, wie das manchmal gedacht wird, und durch Charakterschulung behebbar. Sie sind selbst als  Produktionsverhältnisse zu begreifen. Ich hoffe das versteht man sehr gut, denn das ist der wichtigste theoretische Ansatz darin. Die Grundlage dieser Produktionsverhältnisse, wie also die Geschlechterverhältnisse in dieser Weise eingebaut sind, ist die Struktur gesellschaftlicher Arbeitsteilung, in der die beiden Produktionen, die des Lebens und die der Lebensmittel im umfassenden Sinne so zueinander gestellt sind, dass die Produktion der Lebensmittel in der Form der Lohnarbeit profitlich organisiert ist und zentral ist und sich den Bereich der Lebensproduktion nicht einfach unterworfen hat – das geschieht erst seit kurzem mit der Entwicklung der Gen- und Reproduktionstechnologie -,  sondern ihn als unwesentlich, als nebenher zu erledigenden ausgesondert hat. Auf diese Weise konnte er an Frauen vergeben werden, weil sie aus viel älterer patriarchaler Unterdrückung kommend, sich quasi natürlich dafür eigneten. Man kann das historisch und aktuell verfolgen, wie dieses Verhältnis bestimmt, wie Frauen und Männer zu sein haben, welches Verlangen, welche Ziele, Bewusstsein, Verhalten ihnen eignet. Man kann studieren, wie das ideologisch paradox abgesichert ist. Damit meine ich, dass alles, was aus Liebe getan wird, einen ungeheuer hohen Wert in der Gesellschaft hat , sehr viel mehr gilt als das schnöde Tun nur um Geld. Das kann eine jede nachfühlen in ihrem Herzen, wenn Ihr das so hört. Und zugleich aber gilt diese Liebesarbeit nichts, weil sie nichts einbringt. Man kann, wenn man sich das so klar macht, erkennen, dass hier Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung in Eins fallen. Man wird nämlich davon ausgehen können, dass dies alles im Wesentlichen so bleibt, solange die Gesellschaft die Frage der menschlichen Reproduktion, also des neuen Lebens und der Erhaltung von Leben und von Natur nicht zu ihrer Hauptsache gemacht hat. So würde ich es betonen: es muss zur Hauptsache gemacht werden, und nicht als zufälliges Abfallprodukt behandelt oder flickenweise in den Prozess der Profitproduktion einbezogen werden je nach Konjunktur. Vereinfacht übersetzt heißt das: es ist elementar für das Begreifen von kapitalistischer Gesellschaft, wie die Reproduktion der Menschen selbst gedacht, geplant und durchgeführt wird und es ist ohne Weiteres  begreiflich, dass innerhalb der Profitlogik die Bereiche Menschen und Natur nur als eine Art Steinbruch vorgesehen sind, der auszubeuten ist.

Das ist also die Fundierung. Davon gehe ich aus. Jetzt komme ich in eine zweite Motivlage zu Vier-in-eins, die nicht ist wie Hartzens Mensch als Maschine. Marx hat im Prozess der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise den Satz gesagt, „Und so kommt es zu dem Resultat“, – das zitiere ich hier auswendig, deshalb stimmt es vielleicht nicht ganz – ,“ dass der Mensch, – damit meint er immer den Arbeiter männlich – in der Arbeit nicht zu Hause ist, und wo er zu Hause ist, nicht arbeitet.“ So, an diesem Punkt haben Feministinnen sich natürlich auch aufgeregt, dass dies wieder typisch sei für Marx, nicht nur habe er den Menschen  als männlichen Arbeiter gedacht, sondern auch vollkommen  übersehen, dass natürlich zu hause gearbeitet wird, wenn auch nicht  von Männern. Diese Kritik finde ich auch völlig einleuchtend. Je älter ich werde, umso leichter fällt es mir, ganz unterschiedliche Positionen einleuchtend zu finden. Ich muss aber dann ein anderes Flickwerk machen, ich muss die Stücke ein bisschen umstellen. Denn an dieser Stelle greift die feministische Kritik auf wirklich tragische Weise daneben, und ich hoffe, dass ihr das merkt, weil das nämlich für unsere Frauenfrage am allerwichtigsten ist. Denn der Gedanke von Marx zielt doch gar nicht darauf ab, wer eigentlich zuhause, soziologisch gesprochen die Arbeit macht, sondern der Gedanke ist, dass die Arbeit in der Lohnform im Industriebetrieb so furchtbar schäbig organisiert, entfremdet und sich gegen die Arbeitenden stellend ist, dass sie in ihr nicht und jetzt kommt das pathetische Zuhause sein, nicht wohnen können, keine Heimat finden, nicht als Menschen sein können. Das ist die kritische Leidenschaft darin, und sie sagt zugleich, dass wo Zuhause ist, also Hoffnung auf Heimat, Hoffnung auf Menschsein und Hoffnung auf Leben, Arbeit nicht vorkommt. Arbeit und Zuhause kommen also in einen Spaltungs- in einen Trennungszusammenhang. Und die Spannung die darin liegt, ist etwas, das mich beim Forschen die ganze Zeit bewegt hat, Wann und wo ist eigentlich die Liebe, die Heimat aus der Arbeit gekommen und wie bringen wir sie wieder zurück? In welchem Diskurs machen wir das eigentlich? Und als Frauen haben wir jetzt die Zusatzfrage natürlich, wie kommt das andere Zuhause, in dem wir jetzt sind, in ein Zuhause, in dem wir als Menschen sein wollen? Denn es ist ja so, dass wir in einem Zuhause sind, – also nehmen wir mal die Kleinfamilie mit dem Ernährer, also noch aus dem Fordismus, wogegen die Frauenbewegung protestierte, weil ja die fordistische Kleinfamilie –  Mann Frau 2 Kinder, eingesperrt u.s.w., – , das wir nicht für eine zukünftige befreiende Lebensweise halten. Das kennt ihr ja alle noch aus der Analyse des Fordismus, falls ihr das je gemacht habt oder aus dem Protest der Frauen. Dieses Zuhause, in dem sie sind, ist ja doch nicht ihr Zuhause, sondern sie sind jedenfalls ebenso in der Fremde wie die Arbeitenden im Betrieb und müssen ihr Zuhause erst noch finden. Dieser Pathos in dieser Formulierung ist jetzt gänzlich verschwunden durch den feministischen kritischen Eingriff, der bloß das Bekannte hervorholte, dass Männer sich zu wenig an der Hausarbeit beteiligen. Aber das ist der Pathos, den ich suchte. Es gibt noch mehr Menschen, die so gesprochen haben. Lenin zum Beispiel hat vorgeschlagen, die Köchin solle den Staat regieren und dazu hat Brecht gesagt, freilich müsste es dazu eine andere Köchin sein und ein anderer Staat und dann hat er danach überlegt, vielleicht wäre es auch eine gute Idee, den Staat wie eine Küche einzurichten und die Küche wie einen Staat.[3] Die Grundeinkommensmenschen, denen ich das mal vorgestellt habe, – ich dachte, es werd sie ungeheuer bewegen, denn es ist doch ein Ausdruck über etwas anderes. Ich hoffe, das hört man doch, obwohl die Sprache uns immer so platt nicht in die Tiefen fallen lässt, sondern auf der Oberfläche bleibt. Dennoch hoffe ich, dass man merkt, dass dieses Leninwort ein Vorschlag ist für Demokratie von unten, für Basisdemokratie. Und zugleich ist es ein Vorschlag für Frauenbefreiung, der versucht, die Politik und die Ökonomie zusammenzudenken. Das ist das Fazit in solchen Sätzen bei Lenin, bei Luxemburg, wie bei Marx: alle, alle sollen lernen, den Staat zu regieren und das heißt: alle sollen die Wirtschaft regeln. Wirtschaft und Staat sollten nicht zwei verschiedene Dinge sein, sondern eines, welches von den Menschen, die in der Gesellschaft leben, gestaltet wird.

In der Diskussion ums Grundeinkommen aber sind deren Vertreterinnen über mich hergefallen und haben gesagt: Jetzt hast du nicht nur Arbeit im Zentrum deiner Überlegungen sondern auch noch Wirtschaft. Wirtschaft ist doch aber das, was endlich in seine Schranken gewiesen werden muss. Ich kann an solchen Denkpunkten gar nicht weiterdenken, weil Wirtschaft und Staat sind doch heute, das sieht doch heute in der Krise jeder und jede, so verknüpft, dass der Staat der Wirtschaft hinterher rennt und die Politik der transnationalen Wirtschaftsunternehmen absegnet und stabil hält. Von dem anderen kann doch gar nicht die Rede sein, dass der Staat die Wirtschaft endlich in ihre Schranken weisen könnte oder dies gar schon täte. Das können wir ja extra diskutieren, wenn ihr auch noch die Hoffnung habt, der gute Staat könne die schlechte Wirtschaft in ihre Schranken weisen.

Aber wird mit dem Satz von der Arbeit, in der Mensch nicht zuhause ist, und im Zuhause nicht arbeitet, noch nicht fertig. In dem Zuhause steckt doch das Pathos des Menschseins, wie es auch in dem Wort Heimat wohnt, das uns schon längst entfremdet ist, weil wir  denken, das ist nur was für Heimatvertriebene, wir wollen nichts damit zu tun haben oder wie es in Blochs Worten gesprochen wird: die Welt wohnlich gestalten. Es gibt fiele Versuche dieses alles zu denken, aber das günstigste, zum denken anregendste für uns scheint mir wiederum ein Vorschlag von Marx, der sagt: wie die Menschen sich zu den Menschen verhalten, das ist eigentlich das Menschliche am Menschen. So nämlich kann man wie er auch sagen, dass die Geschlechterverhältnisse der Gradmesser für die Befreiung der Frau, der Gradmesser für die Entwickeltheit der Gesellschaft  sind, weil man an der Weise, wie sich die Stärkeren zu den Schwächeren verhalten, sehen wird, ob die Gesellschaft aus der Brutalität des Kampfes „jeder gegen jeden“ herausgekommen ist und dafür sorgt, dass alle gut leben können. Dies ist aber unser Bereich, in dem wir beständig uns bewegen, jetzt wir als Gattungswesen Frau, nämlich die Arbeit mit Menschen, also das Verhalten von Menschen zu Menschen. Jetzt habe ich vorhin schon gesagt, ich schiebe diesen Bereich in seiner Bedeutung noch etwas weiter nach oben, weil dieses der eigentlich menschliche Bereich ist. Wir haben also diesen Bereich der Lebensmittelproduktion und dann diesen menschlichen Bereich und blicken auf die Frauenbewegung, die – anders als es überliefert ist, nicht ständig für Gleichstellung gestritten hat und auch nicht nur für die Anerkennung der Hausarbeit. Aber nur dieses ist überliefert. Aber  Anerkennung der Hausarbeit ist dann doch ein Element, welches dann übergleitet in die Frage, sollte nicht auch Hausarbeit bezahlt werden und sollte nicht auch dieser Bereich, in dem die Menschen sich zu Menschen verhalten, in die Lohnform überführt werden? Das ist mein nächstes politisches Widersprechen gewesen. Ich habe dagegen protestiert, weil dieser Bereich von Mensch zu Mensch von den zu befriedigenden Bedürfnissen her in einer anderen Zeitlogik geschieht. In dem anderen, der Erwerbsarbeit, muss darauf geachtet werden, dass das immer kürzer geschieht, immer rationeller, immer schneller bis hin, dass es automatisiert ist und nur noch im Sekundentakt vollbracht wird. – Man kann dies am schönsten in dem Chaplin Film Modern Times nachvollziehen, da kann man auch studieren, was geschieht, wenn diese Zeitlogik der Rationalisierung aufs Essen übertragen wird. In dem Bereich, wo Menschen  sich zu Menschen verhalten, stellt sich die Frage genau umgekehrt. Je mehr Zeit darauf verwendet wird, desto wahrscheinlicher, dass es gelingt. Wenn man das unter die Zeitpeitsche nimmt und verkürzt, dann habt ihr diese neuen Formen von Altenpflege wo man 1 ½ Minuten für diese Sache hat und 2 Minuten für jene, und diese Praxis ist schlicht  völlig inhuman. Ich habe auch mit dem Pflegepersonal darüber diskutiert. Die Schwestern in einem neoliberal durchrationalisierten Krankenhaus haben versichert[4]: „Früher, da war die Arbeit schwer, und wir hatten Mühe, alles mit unseren Kindern und Familien in eine Zeitabfolge zu bringen, die wir gut leben konnten. Aber heute ist die Pflege abgeschafft. Wir haben gar keine Pflege mehr. Also ist der Sinn aus unseren Beruf verloren gegangen und wir sind froh wenn wir endlich pensioniert werden und wenn wir endlich hier raus sind.“ Und wenn sie pflegen wollen, dann kommen sie nach ihrer Schicht, also in ihrer Freizeit noch einmal rein und waschen einem z.B. die Füße und erzählen. Aber es gehört nicht mehr in die Arbeit hinein. Soweit zur Frage der Zeitlogik, die je Bereich verschieden ist. Und wenn man das so lässt und zustimmt, dass dieser Bereich, der so liebevoll von Frauen getätigt wird, –  falls sie die Kinder nicht verwahrlosen lassen – , dass dieser keine Zeitmessung hat und nicht in der Lohnform ist, führt das in unserer Gesellschaft dann dazu, dass hier Umsonstarbeit geleistet wird. Andere kriegen Geld für ihre Arbeit und diese nicht. Auf diese Weise kommen wir sozusagen aus dem Schneider einfach nicht heraus. Wir haben die dem innewohnende Problematik nicht gelöst und sind bestenfalls einverstanden, dass dieser Bereich der zentrale menschliche ist. Infolgedessen schlage ich vor, dass wir aufhören, ein Entweder/Oder zu denken, sondern stattdessen die Bereiche zu verknüpfen. Wir wollen den einen Bereich, die Erwerbsarbeit, als ein Menschenrecht für alle erstreiten. Wir wollen den anderen Bereich, das Leben mit Menschen, den Umgang mit Menschen ebenfalls als ein Menschenrecht für alle erstreiten, also verallgemeinern, so dass auch Männer ihre sozialen Fähigkeiten entfalten können. Wir wollen sie ihnen nicht absprechen. Also habe ich jetzt zwei Bereiche, die stelle ich nebeneinander und das bedeutet, dass aus dem einen Bereich Erwerbsarbeit, das Einkommen so gestaltet sein muss, dass man davon gut leben kann, und dass der zweite Bereich keinesfalls bezahlt wird, sondern dass im Lohnbereich erstritten wurde, dass das genügt. Es kostete übrigens Mut die familiären Sorgetätigkeiten Arbeit zu nennen. Da gab es viele männliche Freunde, die empört einwandten: „Jetzt erfindest du auch schon Beziehungsarbeit oder ähnlich. Du bist doch Marxistin, das kannst du nicht tun.“ Wer wäre man, da nicht verunsichert zu werden.  Aber man ringt sich durch, man schleift sich auch ab. Also wir haben zwei Arbeitsbereiche.  Aber ich bin an der Stelle natürlich noch nicht fertig. Als ich erst einmal so weit war, war ich auch etwas skrupellos geworden. Ich fand auf dieser Ebene noch zwei Bereiche, die ich Arbeit nennen wollte. Der eine ist die  Arbeit an sich selbst, die Selbstentwicklung, Selbstentfaltung, Entwicklung eigener Fähigkeiten. Muße wurde vorhin genannt. Ich halte die Möglichkeit, sich künstlerisch zu entfalten, also kreativ etwas anderes zu machen, tanzen, malen, dichten, erzählen musizieren, Theater spielen, singen für eine zutiefst menschliche Arbeit. Ich schlage vor, diese Möglichkeit für alle Menschen zu verlangen, so dass sie aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen, dass sie nicht einfach dahin vegetieren, dass sie nicht mehr in die Konsumentenform abgedrängt werden können, sondern, dass sie lebendig mit allen Sinnen in der Welt sind. Daraus folgt im übrigen, dass der Begriff und Praxis der Eliten nicht ein Begriff für die Oberklasse bleiben sollte, sondern für alle gelten könnte: alle sollen sich schöpferisch entfalten, alle können Elite sein, auch wenn sich dies auf den ersten Blick paradox anhört. Spätestens wenn ich an dieser Stelle angekommen bin, muss ich darauf stoßen, dass auch alle Politik noch zu ihrer Arbeit machen. Denn wer sollte sonst diese Umgestaltungsarbeit übernehmen, wenn nicht wir?  Also habe ich einen vierten Sektor, das ist die politische Einmischung von allen. Diese Anordnung mit den vier Arbeitsbereichen, leuchtet ein und wirft zugleich ein neues Problem auf. Es ist vielleicht wirklich nicht gut, und da hoffe ich auf Eure Mitarbeit, all dieses Arbeit zu nennen, weil wir diesen industriellen Beigeschmack des Begriffes einfach nicht loswerden. Er klingt immer weiter irgendwie nach Lohnarbeit, nach Industriearbeit. Und ich bin unsicher, ob das möglich ist, eine kulturelle Revolution zu gewinnen, in der Arbeit als Selbstentwicklung als Eingriff und Gestaltung von Gesellschaft und Natur ein möglicher tragender Begriff wird. Ich habe versucht, auch mit den Vertreterinnen des bedingungslosen Grundeinkommens,  die Arbeit eher verpönen, mehr Klarheit zu gewinnen und dann vorgeschlagen, alles Tätigkeit zu nennen.[5] Das ist besser, wenn das alles Tätigkeiten sind, und wir haben vier größere Tätigkeitsbereiche, aber es verdeckt zugleich, bzw. macht es unverständlich, dass das Projekt der vier Tätigkeitsbereiche in einer Perspektive auch ein Angriff auf die jetzige Ordnung der Arbeitsgesellschaft ist. Der Weg zurück ist zu weit. Denn die Politik in diesem Vier-Bereiche-Mosaik kann jetzt auf folgende Weise ganz einfach formuliert werden. Nehmen wir einmal an, wir sind 16 Stunden am Tag tätig, dann können wir erst einmal großzügig auftreten und den Regierungsvertretern, die Arbeit beschaffen wollen und den Sozialtheoretikern, die behaupten, es gebe eine Krise der Arbeitsgesellschaft, der Gesellschaft gehe die Arbeit aus, entgegenhalten: Ganz im Gegenteil. Wir haben sehr viel zu viel Arbeit. Soviel Arbeit ist ungetan im zwischenmenschlichen Bereich, im Umgang mit der Natur und außerdem müssen wir uns politisch einmischen, ferner müssen wir uns selbst entwickeln so dass wir gar keine Zeit haben. So fordern wir als erstes eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf die Hälfte, denn mehr können wir uns gar nicht erlauben. Wir teilen also die 16 Stunden in vier mal vier. Die Arbeit von Menschen mit Menschen, die Verallgemeinerung dieser Lebensarbeit bekommt jetzt ein Viertel  unser aller Zeit. Der dritte Teil gilt der Arbeit an sich selbst, der  Selbstentwicklung. Da gab es schein eine Reihe konkreter Forderungen, und es müssen all diese künstlerischen Möglichkeiten für Menschen ja organisiert werden. Alle müssen die Möglichkeit haben, sich zu entfalten, wo immer sie wollen. Und dann müssen wir auch die Stellvertreterpolitik absolut in ihre Schranken weisen und selbst Politik machen – Alle.

Als ich das soeben erschienene Buch Briefe aus der Ferne[i] gemacht habe, hatte ich 50 Briefe aus aller Welt bekommen, als Antwort auf die Frage nach einem möglichen linken feministischen Projekt heute. Alle hatten eine englische Kurzfassung der  Vier- in-einem Perspektive gelesen, und arbeiteten das für sich um, erzählen andere Sachen aus ihren Länden und berichten von ihrer politischen Einmischung. Das ist sehr schön zu lesen, wenn man es ganz liest, weil man dann sieht, wie vielfältig es ist zum einen, dann wie eigenartig gemeinschaftlich, weil so gut wie alle daran arbeiten, das wir jetzt endlich eine Politik des Wir machen müssen. Das Wir haben wir ja gar nicht, sondern das ist ein Projekt. Wir möchten aus den verschiedenen Gegenden der Welt ein Projekt haben, in das wir alle eingeschlossen sind als Wir. Das ist so die durchgehende Linie. Aber das konnte meine Bedenken gegen mich selbst nicht auslöschen. Ich bin auch ruchlos mit dem Arbeitsbegriff mit dem Tätigkeitsbegriff, mit der Umstürzung von der Bedeutung der Erwerbsarbeit im Verhältnis zu den anderen Arbeiten. Übrigens fordere ich gleichzeitig in diesem Kontext, dass der Erwerbsarbeitsbereich weniger wichtig  genommen wird, so dass auch Identitäten nicht vollkommen zerbrechen, wenn man arbeitslos wird. Auch wird man, weil das gar nicht mehr soviel Zeit in Anspruch nimmt, sich auch auf seine anderen Füße stellen können und vielleicht zustimmen, dass der Bereich des Lebens wichtiger genommen wird und deswegen dem anderen vorgeordnet ist.

Betrachten wir an dieser Stelle das Projekt der Vier-in-einem Perspektive mit politischen Augen. Die Idee ist also, diese vier Bereiche miteinander zu verknüpfen. Das hört sich an, wie ein Flickenteppich und sehr harmlos. Das ist es aber nicht. Weil jeder dieser Bereiche, miteinander verknüpft, anders wird. Der Erwerbsarbeitsbereich, das habt ihr gerade gehört, ändert sich in seiner Bedeutung und natürlich in seiner Zeit und damit seiner Bestimmung von Identität und den Möglichkeiten von Entwicklung. Der andere Bereich der sorgenden Lebensarbeit wird allgemein und dabei ist noch zu erarbeiten, dass dieser Bereich von Mensch zu Mensch ja die Grundlage von Solidarität ist. Das heißt,  diese menschliche Haltung wird fundierter, größer, möglicher. Und die Frage der Selbstentwicklung wird jetzt bloß nicht nur ein individuelles Hobby, sondern es wird menschenmöglich, in sich die schönsten Potenzen zu entdecken. Man kann dies in Bewegungen erfahren. In der Frauenbewegung konnte man dies erleben. Da gibt es etwa eine Gruppe von Frauen, die haben bisher gar nichts gesagt oder nur beiher irgendwie ein mickriges Protokoll geschrieben haben. Sie sind unauffällig. Man vergisst sie leicht. In der Bewegung aber erkennt man plötzlich, die eine kann Flöte spielen, die andere hat eine große Begabung und Lust, Theater zu spielen, wieder kann fantastisch reden plötzlich und man stellt fest, wie großartig Menschen sein können. Schließlich ist ohnehin klar, dass, wenn alle Politik machen, die Stellvertreterpolitik langfristig in ihre Schranken gewiesen wird und diese neue Politik eine andere sein wird, lebendiger, weniger bürokratisch, nicht ans sich selbst, sondern an den Bedürfnissen orientiert.

Worum es uns bei alledem gehen muss, ist, die Verfügung über Zeit wieder zu gewinnen, also die Fremdverfügung über Zeit abzuwerfen. Der Satz ist ebenso allgemein wie konkret gültig für die Fragen der Frauenbefreiung. Denn Frauenunterdrückung hat ja ihren Ursprung in der Verfügung der Männer über die weibliche Arbeitszeit und ihre sexuellen Körper. Auch in der Lohnarbeit geht es um die Verfügung über  Arbeitskraft und Zeit. Beides sind Verfügungen über Zeit, woraus wir schließen können, dass alle Herrschaft auf der Verfügung über Zeit und Körper gründet. Andere für sich arbeiten lassen ist die Devise und die zentrale Frage seit Beginn des Kapitalismus: wie macht man am besten Profit.

Damit komme ich zu meiner letzten Denkschwierigkeit in Bezug auf unsere Gesamtthematik. Wie kann ich ein bedingungsloses Grundeinkommen fordern, womit ich zwar den Leistungsdruck und den Arbeitszwang brechen will, wenn ich im Grunde davon ausgehe, dass ich die Verfügung über Arbeitkraft und Zeit zurückdrängen muss zugunsten einer Verallgemeinerung des „Alle sollen arbeiten“, wie das Rosa Luxemburg sagt, „keiner soll auf Kosten von anderen leben.“ Das bringe ich nicht zusammen, ich bringe die beiden Parolen nicht zusammen. Und doch kann ich natürlich hegemonietheoretisch sehen, dass es auch Anklang finden muss, wenn ich jetzt einwende, nein, nicht alle sollen arbeiten. Das ist ja Arbeitspflicht, das kennen wir. Das ist aus dem Faschismus oder sonst woher,  Sklaverei geradezu. Jeder soll das machen was er will. Die Gesellschaft ist reich genug. Das aber bringe ich mit meiner Arbeitsethik nicht zusammen. Ich denke weiter, alle sollen die notwendige Arbeit, die immer weniger wird dank der Entwicklung der Produktivkräfte,  so aufteilen, dass jeder daran beteiligt ist. Wir können ja nicht so vorgehen, dass es uns nichts angeht, wo das Essen herkommt und wer eigentlich die immer noch viele notwendige Arbeit macht. Sondern alle sollen sich daran beteiligen und innerhalb dessen wollen wir darüber nachdenken, was eigentlich gute, menschenwürdige Arbeit ist, an ihrer Verbesserung arbeiten und sie immer weiter zeitlich zurückdrängen. Ich überlasse es der Diskussion, diesem hartnäckigen Arbeitsgedanken zu widersprechen. Und mein Hegemoniegedanke war: Ich glaube, dass man für die Vier-in-einem Perspektive, so auch  meine bisherige Erfahrung damit,  die Zustimmung relativ leicht organisieren kann, auch eine Bewegung darum herum. Während wir uns bei dem bedingungslosen Grundeinkommen wir den Hass aus der Arbeiterklasse zuziehen, weil sie ja aus der Geschichte kommt mit dem Pathos von Rosa Luxemburg: Keiner soll auf Kosten von anderen leben, das geht nämlich gegen die Oberen, die das seit Jahrhunderten getan haben, die die anderen für sich arbeiten lassen. Also brauchen wir eine Ethik, die diesen Teil notwendiger Arbeit gleichmäßig verteilt und nicht den Reichtum umverteilt, sondern die alle Arbeit verteilt aus allen vier Bereichen.


[1] Schaffen wir einen neuen Menschentyp. Von Henry Ford bis Peter Hartz. In: F. Haug, Die Vier-in-einem Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008, 2. A 2009

[2] Das Wir in den folgenden Sätzen kommt daher, dass ich mich immer in Frauengruppen bewegt habe, es sich also um Aussagen eines Kollektivs von Frauen handelt.

[3] Die Sache mit der Köchin habe ich ausgeführt in meinem Stichwort Köchin im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, Band 7/2, 2010.

[4] Abgedruckt in meinem Beitrag Patient im neoliberalen Krankenhaus, in dem Buch zur Vier-in-einem Perspektive.

[5] Ein lehrreicher Dialog mit einer Vertreterin des bedingungslosen Grundeinkommens und mir, ist  abgedruckt im soeben erschienen Buch, Gruber/Haug/Krüll, Arbeiten wie noch nie?!, Hamburg 2010


[i] F. Haug, Briefe aus der Ferne. Anforderungen an ein linkes feministisches Projekt heute. Hamburg 2010

KategorienArtikel Tags:
Kommentare sind geschlossen