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Archiv für Dezember, 2010

Vier-in-Einem-Perspektive, Vortrag von Gesine Lötzsch

27. Dezember 2010 Keine Kommentare

“Vier-in-Einem-Perspektive”

Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei DIE LINKE, auf der Frauenpolitischen Konferenz “Frauenpolitische Utopien entwickeln!” in Bremen

50 Männer kämpfen zurzeit mit großen Anzeigen in Zeitungen und Illustrierten für lebenserhaltende Maßnahmen für eine sterbende Dinosaurier-Technologie – die Atomkraft. Hatten die Atombosse keine einzige Frau gefunden, die eine solche Anzeige unterzeichnen wollte? Oder sind sie nicht einmal auf die Idee gekommen, eine Frau zu fragen? Wer bezahlt eigentlich diese doppelseitigen Anzeigen in Spiegel, Stern und FAZ? Zahlen es die Atom-Bosse aus ihrer eigenen Tasche? Wohl kaum! Nein, die Kosten für diese Anzeigen zahlen alle Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stromrechnung. Stellt euch vor, 50 werdende Mütter wollten mit einer ähnlichen Anzeigen-Kampagne gegen die Streichung des Elterngeldes für arbeitslose Mütter protestieren – wem sollten sie die Kosten in Rechnung stellen? Dieses Beispiel zeigt exemplarisch, wie ungleich die Möglichkeiten in unserer Gesellschaft verteilt sind, sich an politische Entscheidungen in diesem Land zu beteiligen.

Die Demokratie leidet nicht nur unter den herrschenden unfähigen Politikern, sondern auch an der ungleichen Verteilung des Reichtums in unserem Land. Wer das nötige Kleingeld hat, schaltet Anzeigen, beschäftigt Lobbyisten und Anwälte, um seine Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen. Wem das nötige Kleingeld fehlt, der hat nicht annähernd die gleichen Chancen, dass seine Stimme im Bundestag oder Kanzleramt gehört wird. Politik wird nicht mehr gewählt, sondern bestellt, besonders gern bei der FDP. Die FDP nenne ich seit der Mövenpick-Spende nur noch Mövenpick-Partei. Zur Erinnerung: Die FDP, aber auch die CSU, bekamen von dem Eigentümer der Mövenpick-Hotel-Kette eine Groß-Spende. Daraufhin wurde der Mehrwertsteuersatz von 19 auf 7 Prozent gesenkt.

Frauen und Demokratie

Die Teilhabe von Frauen an der Demokratie ist ein Gradmesser für die Reife einer Demokratie. Ich habe den Eindruck, dass in den letzten 10 Jahren Frauen verstärkt aus demokratischen Prozessen heraus gedrängt wurden. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um die Teilnahme an Wahlen oder die Möglichkeiten in Parteien und Gewerkschaften mitzuwirken. Es geht um die Verteilung von Arbeit und Reichtum! Der Ex-Kanzler Schröder erklärte auf dem Weltwirtschaftsforum 2005 stolz: “Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.” Wenn er den Sektor so toll findet, warum hat er sich nicht dort einen Job gesucht? In diesem Niedriglohnsektor arbeiten besonders viele Frauen, die von ihrer Hände Arbeit nicht leben können. Sie müssen als sogenannte “Aufstocker” zum Amt gehen, um ihren und den Lebensunterhalt ihrer Kinder zu sichern. So sieht der beste Niedriglohnsektor Europas aus! Die Zahl der prekär Beschäftigten nimmt dramatisch zu. Das hat direkte Auswirkungen auf unsere Demokratie! Prekäre Beschäftigung heißt auch prekäre Mitbestimmung! Welche Leiharbeiterin und welche Minijobberin wird denn in ihrem Unternehmen aufmucken, wenn ihr bei der leisesten Kritik die Kündigung droht? Für Minijobber und Leiharbeiter ist das Risiko arbeitslos zu werden um ein Vierfaches höher als bei befristeten Vollzeitbeschäftigten. Jeder kennt das Beispiel von der Kassiererin Emmely. Ihr wurde angeblich wegen eines nicht abgerechneten Flaschenbons im Wert von 1,30 € fristlos gekündigt. Der Pfandbon war nur ein Vorwand für die Kündigung. Der eigentliche Grund war ihre Teilnahme an einem Verdi-Streik, dafür wurde sie abgestraft. Die Signale der Arbeitgeber sind eindeutig: Die Demokratie hat in der Wirtschaft nichts zu suchen, wer aufmuckt fliegt! Es gibt zahlreiche Bagatellkündigungen, die zeigen, mit welcher brutalen Rücksichtlosigkeit einige Arbeitgeber ihre Beschäftigten behandeln, die für sie Jahrzehnte hart gearbeitet haben. DIE LINKE ist die einzige Partei im Deutschen Bundestag, die sich nicht mit einer demokratiefreien Wirtschaft abfindet!

Wir haben die Agenda 2010 immer wieder kritisiert und bekämpft, weil sie Menschen ausgrenzt, in Armut stürzt und demütigt. Doch wir müssen sie mindestens genauso vehement kritisieren und bekämpfen, weil sie ein Angriff auf unsere demokratische Grundordnung ist! Die Agenda 2010 ist ein Angriff auf die Demokratie in unserem Land! Aus beiden Gründen fordert die LINKE die vollständige Abwicklung der Agenda 2010! DIE LINKE duldet keine demokratiefreien Räume! Wir wollen nicht nur eine demokratisch kontrollierte Umverteilung des Reichtums, wir wollen auch eine demokratisch kontrollierte Produktion, doch davon sind wir in unserem Land noch weit entfernt. Warum dürfen uns vier Stromkonzerne vorschreiben, welcher Strom produziert und an uns verkauft wird? Das muss sich ändern. Doch es wird ganz sicherlich nicht durch diese Bundesregierung geändert. Diese Bundesregierung ist bisher vor jeder Lobby eingebrochen, egal ob Hotel-, Banken-, Rüstungs- oder Stromlobby. Wenn die Kanzlerin eine freiwillige Selbstverpflichtung der Atomkonzerne als Gegenleistung für die Verlängerung der Atommeiler fordert, dann ist das eine bedingungslose Kapitulation!

Aber auch SPD und Grüne haben noch nicht erkannt, dass eine demokratische Kontrolle der Produktion nicht durch das Verhalten der Konsumenten zu ersetzen ist. Gegen Monopole sind auch Konsumenten machtlos! Wir wollen die Strommonopole entmachten und die Stromnetze als Teil der gesellschaftlichen Infrastruktur wieder in die Hände der ganzen Gesellschaft legen.

Frauen und Aufschwung

Der Export boomt, die Auftragsbücher sind voll und die Krise ist schon fast vergessen. Was keine Frau verstehen kann, dass egal ob wir eine Krise haben oder einen Aufschwung erleben, die Frauen immer weniger Lohn bekommen als die Männer. Der Aufschwung ist für Frauen immer flacher als für Männer, dafür trifft die Krise Frauen meist heftiger als die Männer. Warum verdient eine Grafikdesignerin 28,9%, eine Verkäuferin 23,3% und eine Bankkauffrau 21% weniger als ihre männlichen Kollegen? Warum wollte die Bundesregierung die Opel-Männer-Arbeitsplätze retten, die Karstadt-Frauen-Arbeitsplätze aber nicht? DIE LINKE fordert gleichen Lohn für gleiche Arbeit! Der aktuelle Aufschwung ist die beste Gelegenheit, um die Lohnangleichung durchzusetzen. Das Volkseigentum, das sich aus dem Arbeitnehmerentgelt und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen zusammensetzt, hat gegenüber dem Vorjahresquartal um 8,3% zugenommen. Jedoch stieg das Arbeitnehmerentgelt nur um 2,5%, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen aber um 21,9%. Die Angleichung der Löhne und Gehälter von Frauen und Männer, ist also sofort möglich, wenn man die Lohnsumme auf Kosten der Unternehmensgewinne erhöht und gerecht verteilt. Das wäre eine lohnende Aufgabe für die Kanzlerin, die erste Frau in diesem Amt. Dazu muss sie nur Unternehmensgewinne und Vermögen gerecht besteuern.

Frauen und Krise

Ist es nicht erstaunlich, dass keiner mehr über die Krise reden will. Vor der Finanzkrise haben Medien jeden Tag sogenannte Experten und Politiker befragt, wie man die Arbeitslosen endlich dazu bekommt, jede Arbeit anzunehmen. Dann wurde auf dem Höhepunkt der Finanzkrise etwas über die Banker und Spekulanten geschimpft, doch das hielt sich in Grenzen. Professor Sinn warnte davor, dass man die Banker nicht so behandeln sollte wie Hitler die Juden behandelt hat. Ein unglaublicher Ausfall. Und Herr Sinn sitzt immer noch in jeder zweiten Talkshow! Ich weiß nur, dass bisher kein einziger Banker für die größte Finanzkrise in der Geschichte der Bundesrepublik wirklich ernsthaft juristisch zur Verantwortung gezogen wurde. Es gibt auch keinen einzigen Banker, der mit einer Verdachtskündigung seinen Arbeitsplatz verloren hätte, so etwas passiert in der Regel nur Kassiererinnen oder Pflegerinnen, aber nicht Bankern, die eindeutig das Vertrauen ihrer Kunden und Arbeitgeber missbraucht haben. Warum werden eigentlich Banker von der Justiz besser behandelt als Kassiererinnen? Viele Menschen haben das Gefühl, dass unsere Justiz mit unterschiedlichen Maß misst: Die Pflegerin, die 6 Maultaschen nicht in den Müll wirft, sondern mit nach Hause nimmt, wird gefeuert, der Banker, der Milliarden verspekuliert, kann mit weiteren Bonuszahlungen rechnen. Früher hätte man dazu Klassenjustiz gesagt. Die Banken sollen nach Auffassung der Bundesregierung eine Bankenabgabe von 1,2 Mrd. Euro zahlen.

Dieses Geld soll allerdings nicht dazu dienen, den volkswirtschaftlichen Schaden, den die Banken verursacht haben, auszugleichen, sondern soll als Zwangsversicherung für die Banken eingeführt werden. Es ist ein Spekulationsfonds für Banken. Wenn sie sich verspekulieren, dann können sie auf eine Auszahlung aus dem Fonds hoffen. Die Kosten der Finanzkrise sollen jetzt arbeitslose Mütter zahlen. In Zukunft bekommen sie kein Elterngeld mehr. Sie werden damit 20% ihres Einkommens verlieren! Stellt euch vor, DIE LINKE würde fordern, dass Herr Ackermann auf 20% seines Einkommens verzichten soll, wir würden nur Hohngelächter ernten. Nein, wir sind bescheiden, wir wollen nur eine fünfprozentige Millionärssteuer. Damit könnten Herr Ackermann, Herr Zumwinkel und Frau Springer immer noch sehr gut leben. Dann kommt immer das Argument, dass die arbeitslose Mutter von Transferleistungen lebt und Herr Ackermann sein Geld in der freien Wirtschaft verdienen muss. Nein, auch Herr Ackermann und seine Spekulantenfreunde leben von Transferleistungen. Nur durch staatliche Interventionen konnte das Bankensystem und zwar einschließlich der Deutschen Bank gerettet werden.

Keiner redet mehr über die Verantwortung der Banken, alle reden über Chipkarten für arme Kinder. Das ist eine zynische Diskussion. Alle Kinder könnten ein Instrument lernen oder in einem Sportverein Fußball spielen, wenn nicht diese Bundesregierung die Kommunen aushungern würde. Die Kommunen haben ein strukturelles Defizit von 12 Mrd. Euro. Wenn wir eine Bankenabgabe nach dem Obama-Modell in Deutschland einführen würde, dann hätten wir jährlich 12 Mrd. Euro, die wir den Kommunen zur Verfügung stellen könnten. Übrigens in Berlin-Lichtenberg, der Bezirk in dem ich wohne und direkt in den Bundestag gewählt wurde, kann jedes Kind ein Instrument erlernen, egal ob es arm oder reich ist. Das hat die Bürgermeisterin Christina Emmrich (DIE LINKE) trotz knapper Kassen durchgesetzt. Auch wenn Frau von der Leyen vorgibt, immer das Beste für die armen Kinder zu wollen, das Ergebnis wird sein, dass wir eine große und teure Chipkartenbürokratie haben werden und arme Kinder stigmatisiert werden. Wir brauchen einfach ausfinanzierte Schulen, in denen die Kinder gemeinsam länger zusammen lernen. Ich bin dafür, dass Banker und Spekulanten einen Teil ihrer Boni in Bildungsgutscheinen ausgezahlt bekommen. Sie sollen mit diesen Gutscheinen die Möglichkeit erhalten, eine andere, ihnen völlig unbekannte Welt kennenzulernen, in Sozialprojekten mitzuarbeiten, um ihr Sozialverhalten grundlegend zu verändern!

Frauen und die Rente

Die SPD will auf ihrem nächsten Parteitag die Rente ab 67 diskutieren. Das ist gut und richtig! Die SPD hat erkannt, dass die Niederlage bei der letzten Bundestagswahl ganz wesentlich auf die Rentenkürzung zurückzuführen ist. Die Idee, die Rentenkürzung – die Rente ab 67 ist nichts anderes – erst dann einsetzen zu lassen, wenn mindestens 50% der 60 bis 64jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ist ein Kompromiss, der nachgebessert werden muss, wenn die SPD in Bezug auf DIE LINKE koalitionsfähig werden will. Es ist nicht einzusehen, warum die 50%, die dann keine sozialversicherungspflichtige Arbeit haben, mit einer Rentenkürzung bestraft werden sollen. Problematisch finde ich es auch, dass die SPD das Rentensystem an die Konjunktur koppeln will. Ein Rentensystem darf man nicht zum Spielball der Märkte machen. Die Rente muss stabil und sicher sein. Das geht nur, wenn man das Rentensystem nicht an die Konjunkturzyklen koppelt. Die LINKE fordert die vollständige Revision der Rente ab 67! Zahlen aus dem Jahr 2007 zeigen, dass wir uns schon sehr bald auf Altersarmut einstellen müssen. Ein Mann aus den alten Bundesländern, der 2007 in den Ruhestand gegangen ist und aus einer stabilen Beschäftigung kam, bekommt im Durchschnitt eine monatliche Rente von 1028 Euro. Ein Mann aus den neuen Bundesländern, der 2007 in den Ruhestand gegangen ist und aus der Übergangsarbeitslosigkeit kam, bekommt im Durchschnitt eine monatliche Rente von 800 Euro. Eine Frau aus den neuen Bundesländern, die 2007 in den Ruhestand gegangen ist und aus der Langzeitarbeitslosigkeit kam, bekommt im Durchschnitt eine monatliche Rente von 726 Euro. Ich sage das deshalb, weil immer wieder der Eindruck vermittelt wird, dass die Renten in den neuen Bundesländern viel höher wären als in den alten Ländern. In den alten Ländern bekommt eine Rentnerin trotz einer fünf Jahre längeren Lebenserwartung im Schnitt 77.000 Euro weniger als ein männlicher Ruheständler.

Wer sich also die aktuellen Zahlen anschaut, der muss sich die Frage stellen, was die Rente ab 67 für die zukünftigen Rentner bedeutet. Ich kann es nicht verstehen, dass die Grünen, trotz der aktuellen Situation vieler Rentner, weiterhin an der Rente ab 67 Jahren festhalten. Sie fordern immer wieder Generationengerechtigkeit. Doch Generationengerechtigkeit wird es nur geben, wenn es endlich Verteilungsgerechtigkeit gibt. Übrigens, Top-Manager dürfen früher in Rente: Für die Vorstände der großen DAX-Konzerne beginnt die Rente häufig schon mit 60 Jahren. Das geht aus einer Untersuchung des Vergütungsexperten Heinz Evers im Auftrag der Hans- Böckler-Stiftung hervor. Kennen Sie eine Frau im Vorstand in einem DAX-Konzern? Wenn es doch eine Frau geben sollte, dann mache ich mir um sie auch keine Sorgen, Sorgen mache ich mir vor allem um die Frauen, die Kinder groß ziehen keine Arbeit finden können. Sie sind schon jetzt häufig von Armut betroffen und werden – wenn es nach den Plänen der Bundesregierung geht – auch in Altersarmut leben. DIE LINKE sieht nur einen Weg zu guten Renten – gute Löhne! Für die Menschen, die trotzdem zu wenig verdienen, muss es eine solidarische Umverteilung im Rentensystem geben.

Frauen und DIE LINKE

Mit 37,1% hat DIE LINKE den höchsten Frauenanteil aller im Bundestag vertretenen Parteien. Wenn es stimmt, was ich am Anfang gesagt habe, dass die Teilhabe von Frauen an der Demokratie ein Gradmesser für die Reife einer Demokratie ist, dann ist die LINKE auf dem richtigen Weg. Im Osten sind wesentlich mehr Frauen (44,2%) in der Partei als im Westen (24,9%). Ich hätte gern gewusst, warum das so ist, vielleicht könnt ihr mir das erklären. In der Bundestagsfraktion sind mehr als die Hälfte der 76 Abgeordneten Frauen, das kann sich wirklich sehen lassen. Trotzdem sind wir noch nicht zu frieden. Gerade in den Kreisvorständen haben wir einen beträchtlichen Mangel an guten Frauen. Wenn ich Frauen frage, warum sie sich nicht in unserer Partei engagieren, dann höre ich oft das Zeitargument aber auch Kritik an der Parteikultur. Diese Kritik ist berechtigt. Ich sage immer, dass wir die besten Vorschläge der Welt machen können, wie wir uns eine gerechte, kulturvolle und solidarische Gesellschaft vorstellen, wenn wir selbst nicht gerecht, nicht kulturvoll und nicht solidarisch sind. Ich bin mir sicher, dass mit mehr Frauen in unserer Partei, all diese Probleme zu lösen sind. Ich habe einen Parteiaufnahmeantrag immer dabei, wer möchte kann also gleich heute in die Partei DIE LINKE eintreten. Übrigens ist der Frauenanteil in der Partei in Bremen seit 2007 von 27,5% auf 29,8% gestiegen. Bis zur Bürgerschaftswahl am 22. Mai sollten wir noch viele Menschen für die Partei gewinnen. Vielleicht können wir uns dann über ein gutes Wahlergebnis und über viele neue Mitglieder freuen. Doch Frauen soll nicht nur in unsere Partei eintreten, weil wir eine bessere Partei werden wollen, wir brauchen viele Frauen, um die Rechte der Frauen in dieser Gesellschaft durchzusetzen. Es passiert in unserem Land nur das, was wir gemeinsam zulassen! Wir lassen immer noch zu viel zu, weil wir schlecht organisiert sind und viel zu viel Zeit dafür verwenden, um Probleme innerhalb der Partei zu lösen. Ich war gerade bei unseren holländischen Genossen der SP. Sie haben die Regel, dass nur ein Drittel der Zeit für interne Probleme und zwei Drittel der Zeit für praktische Parteiarbeit genutzt werden sollen. Wenn wir diese Regel bei uns einführen, dann können wir dieses Land grundsätzlich in unserem Sinne verändern.

Mancher fragt sich, warum soll er oder sie in die DIE LINKE eintreten und nicht in die SPD oder bei den Grünen? Bei der Bundestagswahl 2002 flog die PDS als Fraktion aus dem Bundestag. Nur Petra Pau und ich waren noch als direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag vertreten. In dieser Legislaturperiode wurde die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetze beschlossen. Diese Agenda hätte es wohl nie gegeben, wenn es in dieser Legislaturperiode eine starke Linke im Bundestag gegeben hätte. Ich sage immer, die LINKE ist die Bewährungshelferin von SPD und Grünen. Damit die Beiden nicht in den grausigen Neoliberalismus zurückfallen, bedarf es einer starken linken Partei in Deutschland.

Zum Schluss möchte ich mich bei euch für die Einladung und die Aufmerksamkeit bedanken. Ich wünsche euch allen viel Erfolg bei der Bürgerschaftswahl im nächsten Jahr, aber was noch wichtiger ist, ich wünsche euch viel Erfolg bei der Umsetzung der Ziele, die direkt das Leben der Menschen verbessern, es friedlicher, gerechter, solidarischer und kulturvoller macht!

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Rede zur Eröffnung des dritten deutschen Sozialforums

18. Dezember 2010 Keine Kommentare

Frigga Haug: Rede zur Eröffnung des dritten deutschen Sozialforums.

Ich danke für die Einladung, auf dem Sozialforum zu sprechen, über die ich mich gefreut habe, gerade weil die Sozialforen zeigen, wie viel Kraft in den Vielen noch steckt, wie viel Fantasie frei ist, wieweit wir uns bewegen können, wenn wir uns zusammentun und weil das Wendland als Ort unter der neuen Regierung mit ihrer Politik der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke verschärft ein Ort des notwendigen Widerstands wird.

Mein Titel: Teilzeitarbeit für alle als eine zeitgemäße Unterwanderung festgefahrener Politik, gewohnter Vorstellungen, eingerosteter Identitäten, Ungleichzeitigkeiten und Ungerechtigkeiten hört sich ein wenig schräg an zum Gewohnten.

Es geht uns um ein gutes Leben für alle. Das hört sich bescheiden an, ist jedoch, wie wir erneut in der Krise des Kapitalismus sehen, das Unverschämteste, das einem derzeit einfallen kann. Auf dem Weg dorthin gibt es enorme Hindernisse – ökonomischer, politischer, kultureller Art und schließlich solche, die in uns selbst liegen, in unseren Gewohnheiten vor allem.

„Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht“, schreibt Marx 1875 im Nachwort zu Enthüllungen über den Kommunisten-Prozess zu Köln, „bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.“

Dass die kapitalistische Gesellschaft im Ungleichgewicht ist, sieht jede, selbst wenn sie selbst noch die Balance halten kann. Aber der Satzteil mit der Sonne der Arbeit rutscht widerborstig herunter und liegt schwer im Magen. Er ruft Erinnerungen an Arbeiterlieder wach, – alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will – seltsam deplaziert, wo  der Tastendruck oder der Touch regiert, ohne Stärke, fast schwerelos. Zudem ist Arbeit lange schon vielfach in Verruf gekommen, mehr Last und Mühe als Freude und Genuss, also eher dunkel als hell – . Und doch gibt es ein Echo tief in uns, dass „die Sonne der Arbeit“ die Kämpfe der Arbeiterbewegung weit überschreitet, ja in der Wirklichkeit auf das Gesamtprojekt der Menschwerdung zielt – als gemeinsame Tätigkeit. In der Arbeit betätigen sich Menschen, schaffen sich selbst, genießen das Leben, befriedigen ihre Bedürfnisse und entfalten ihre Liebesfähigkeit. So konkret sich solche Bestimmungen anhören, so abstrakt erscheinen sie angesichts der Entwicklung der Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen und vor allem unserer gegenwärtigen Lage.

„Die Geschichte“, schreibt Antonio Labriola (1998) könnte „in einem Trauerspiel als Tragödie der Arbeit dargestellt werden.“ (SPh, 363)

Was die Menschen als gemeinsame Arbeit beginnen, ja ihre eigene Entwicklung wendet sich gegen sie, verstärkt die Herrschaft über sie, je reicher sie werden, desto mehr fallen sie in Armut. Im Laufe der Geschichte gestalten die Menschen nicht immer selbstbewusster ihre gemeinsame gesellschaftliche Arbeitskraft, umgekehrt überfällt das von Menschen Geschaffene hinterrücks die einzelnen, als hätten sie nichts damit zu tun. Wir können eine lange Reihe solcher absurder Formulierungen sprechen und historisch begründen.

Denn in der Arbeit kreuzen sich Herrschaft und Befreiung, Mühsal und Genuss, Entfremdung und Selbstverwirklichung, Entwicklung und Nichtentwicklung, Notwendigkeit und Freiheit.

„Unserer Gesellschaft geht die Arbeit aus“, rufen seit etwa 25 Jahren die Sozialwissenschaftler als handle es sich um ein Bergwerk, das erschöpft ist. Sie bemühen sich, einen Gesellschaftszusammenhalt anders zu finden, nicht über Arbeit, sondern vielleicht über Kommunikation oder über den Konsum und so das Trauerspiel in einem Wellnesscenter zu beenden. Das ist zwar Mainstream-Theorie, scheint sich aber praktisch zu bewahrheiten. Denn inzwischen lehrt uns die Weltwirtschaftskrise das Fürchten. Die Meldungen über mehr und mehr Arbeitslose – täglich mehrere Tausend –  füllen die Nachrichten, Angst schleicht sich in die Herzen der Vielen. Wann wird es uns treffen? Verzweifelt versucht man sich an den Arbeitsplatz, soweit noch vorhanden, zu klammern, alle weiterreichenden Wünsche zu vergessen und ist bereit zu vielem.

Woimmer wir hinsehen, zeigen sich uns die Dinge doppelköpfig. Denn Arbeitslosigkeit ist ja nicht einfach ein Mangel und Anzeiger für Armut, Beleg, dass das Bergwerk leer ist. Sie ist nach der anderen Seite hin nichts anderes als der Nachweis, dass sich die Produktivkräfte der Arbeit soweit entwickelt haben, dass wir die notwendige Arbeitszeit für das Überleben erheblich reduzieren können, sie zeigt also Reichtum an -, freilich nicht für diejenigen, die arbeitslos werden. Wenn gesellschaftlich weniger Arbeit für das Notwendige gebraucht wird,  wären die Menschen freigesetzt, endlich die vielen Tätigkeiten aufzunehmen, zu denen aus purer Not in der Form der Überarbeit bislang die Zeit nicht reichte. Dass sich die Menschen des Wenigerwerdens von notwendiger Arbeit nicht freuen können, dafür sorgt wiederum ihre kapitalistische Formbestimmung als Lohnarbeit. Nur wer sich seine 8 Stunden oder mehr zur Verfügung stellt, kann auf Anerkennung, entsprechende Entlohnung, Wertschätzung, Teilhabe hoffen.

So bedeutet Arbeitslosigkeit eine Freisetzung als Beraubung, eine Tragödie diesmal für die Arbeitenden.

Wir gehen davon aus, dass wir inzwischen nurmehr ein Bruchteil an Arbeitstunden für die gleichen Produkte einsetzen müssen und bei gewachsenem Niveau an Lebensstandard jedenfalls weit weniger als die Hälfte – und dass dies auch weltweit durchsetzbar wäre, da sich die Produktivkräfte und das nötige know how in absehbarer Zeit verallgemeinern ließen.

In dieser Situation fordert die bundesdeutsche Regierung eines der reichsten Länder, das insbesondere in bittere Armut gefallen zu sein scheint, eine Verlängerung der wöchentlichen und vor allem auch der Lebensarbeitszeit mit der Behauptung, so Arbeitsplätze zu sichern. Die Widersinnigkeit dieser Behauptung ist so offensichtlich, dass Angst und Verzweiflung die Menschen taub und stumm gemacht haben müssen, dass sie nicht weithin hörbar aufschreien.

Dabei hält die Regierung fest an einem Arbeitsmodell, das von einem 8-Stundentag ausgeht, ohne dass für alle ein solcher Arbeitsplatz vorgesehen ist. Und auch jetzt gibt es keinen Aufschrei im Land, sondern weiter beherrscht Einschüchterung das Feld, die die einzelnen dazu bringt, zu hoffen, die Regierung wisse schon, was  in der Krise zu tun sei. Dies wider alle Erfahrung.

Die lange Zeit von Hartz-IV hat zudem ein Flachland an Resignation und Lähmung hervorgebracht, allenfalls unterbrochen von trotzigen Rufen einiger weniger, dass Arbeitslosigkeit ja das Recht auf Faulheit gewähre. Die Rufe werden in der Bedrohtheit durch die Krise leiser. Solidarität schrumpft. Rette sich wer kann.

Wie können und wollen wir in dieser Lage Politik machen? Wir agieren aus der Position der Schwäche, aus dem Nicht-mainstream. Wir können andere nicht überzeugen, wenn sie es nicht selber tun. Wir wollen Menschen zum Nachdenken, in eine Bewegung bringen, die sie selber wollen können.

Was wäre jetzt die im Titel versprochene Unterwanderung von festgefahrener Politik, von gewohnten Vorstellungen, eingerosteten Identitäten, von Ungleichheiten und Ungerechtigkeit?

Die Formulierung bezieht uns alle ein, und wie wir uns in den Verhältnissen eingerichtet haben. Wie wir dann Losungen schmieden, etwa nach dem Recht aller auf einen Vollzeiterwerbsarbeitsplatz. Oder, – wenn wir das nicht haben können, was ja jedermann weiß, wenn er einmal auf die Entwicklung der Produktivkräfte geblickt hat, bzw. durchrechnete, wie viel Zeit gebraucht wurde vor wenigen Jahrzehnten noch, als wir schon um die 38-Stundenwoche stritten, ein Auto zu bauen, wie wenig es jetzt ist, wie viele Autos schon überflüssig da sind, wie ökologisch schädlich sie sind usw. – wenn wir dann die Richtung ändern und statt des Arbeitsplatzes wenigstens ein Grundeinkommen fordern. Eine bescheidene Forderung, die nurmehr ums bloße Überleben streitet und in einer entwickelten Gesellschaft darum ringt, dass alle ein Dach über dem Kopf haben und die Mittel für eine minimale Existenz, ohne demütigender Kontrolle unterworfen zu werden.

Es ist mir zu bescheiden. Es fordert kaum zum Umdenken heraus. Es trifft uns nicht in unseren gewordenen Sicherheiten. Es erscheint vielmehr als eine Fortsetzung der seit dem Mittelalter gewährten Almosen und Armenspeise, der Wohlfahrt von oben. Eingreifender, weil verknüpft mit den Mindesterwartungen an eine Zivilgesellschaft,  scheint mir die  Forderung von Rosa Luxemburg, dass „die sozialen Garantien des Lebens selbstverständlich“ sind für alle, damit sie überhaupt in der Lage sind, sich um die lebenswerten und notwendigen Bereiche des Lebens zu kümmern, sich in die Politik einzumischen.

Wir wäre es jetzt mit der Losung:

Teilzeitarbeit für alle. Die Losung muss zunächst auf den empörten Widerstand der meisten treffen, vor allem derjenigen, die noch einen Vollzeitarbeitsplatz haben, auf den sie sich eingerichtet haben im Zeitverbrauch, in häuslicher Arbeitsteilung, im Lebensstandrad. Lange wurde zudem gewerkschaftlich gegen Teilzeitarbeit gekämpft. Weitgehend erfolglos, sie breitet sich aus – wir kennen die Zahlen – 70 %  der Teilzeitarbeitsplätze haben Frauen inne. Das macht ihren Ruf noch schäbiger. Teilzeitarbeit, das ist Armut, Ausweglosigkeit, es gibt kaum Sicherheit und schon gar keine Aufstiegsmöglichkeiten. Teilzeit arbeiten heißt nicht nur, keiner ernsthaften Arbeit nachzugehen, es heißt auch, als Gesellschaftsmitglied versagt zu haben. Soll also solche Politik das Elend der Teilzeitarbeiterinnen für die gesamte Gesellschaft  beschwören? Jeder weiß, mit so wenig Einkommen kann keine auskommen, sodass sich weitere negative Einschätzungen an diese billigen Jobs heften: Zuverdienerin zum Beispiel oder gar das Ressentiment, das Teilzeitarbeit sich jemand nur leisten kann, die zugleich andere für sich arbeiten lässt. – So schrieb jemand typisch für viele als Kommentar zur Arcandorpleite: “Wenn Frauen 70% aller Niedrigjobs übernehmen, spricht dies nicht gerade für die Bereitschaft berufliche Verantwortung zu übernehmen, sondern eher für die Möglichkeit sich den Luxus leisten zu können etwas für sich hinzuzuverdienen und ansonsten den Partner für sich arbeiten zu lassen. Abgesehen davon übernehmen Männer 70% aller Überstunden und 100% aller Lebenszeitverkürzenden Jobs.” (TAZ, 9.6.09)

Schlechter Ruf, zu wenig Geld, keine Sicherheit, keine Anerkennung, keine Aufstiegsmöglichkeiten – kurz Teilzeitarbeit scheint auf den ersten Blick genau das, was wir nicht wollen. Arbeit als sinnloser Job, bloße Kräfteverausgabung  gegen ein kleines Entgelt – Restarbeiterinnen im System.

Wir kennen also alle die Argumente gegen Teilzeitarbeit – aber Teilzeitarbeit für alle ist nicht einfach eine unwillkommene Anerkennung jetziger Teilzeitarbeit und eine Absage an die Kämpfe dagegen. Es ist eine Stolperlosung. Schon nach wenigen Sekunden merkt man, dass der Satz selbst unsinnig ist: Teilzeit für alle kann nicht länger Teilzeit sein, verwandelt sich sozusagen schon beim Sprechen in Vollzeit und stiftet sogleich an, über Vollzeit nachzudenken. Der Begriff bläht sich bedrohlich auf, verschlingt unser Leben. Wollen wir wirklich diesen 8-Stundenerwerbsarbeitstag, wo möglich mit Überstunden?  „Rennen, rackern, rasen“, wie dies Peter Hartz in seinem Buch Job Revolution schon früh für uns vorsah, ausgepowert und abgeschlafft am Abend, keine Zeit für Familie und Freunde, für Kultur und schöpferische Muße schon gar nicht für Politik – das lassen wir für uns machen?

Wie wäre es, die geringe Achtung, die die Teilzeitarbeit hat, auf die Vollzeitarbeit zu verschieben – und die Kraft darauf zu richten, die Minderwertigkeit der Teilzeit zu ersetzen zunächst durch Aufwertung und Erkämpfung aller Rechte.

Einmal in Bewegung gekommen, können sich alle daran setzen, sich einen neuen Arbeitstag anzuprobieren. Wie wäre es, wenn man in der herkömmlichen Erwerbsarbeit nur mehr 4 Stunden zubrächte und über die freigewordene Zeit selbst verfügen könnte, statt andere einseitige Verfügung zuzulassen. Das Leben ist mehr als Erwerbsarbeit – ihre Bedeutung gehört abgewertet. Das Miteinander, die Aufeinander – Angewiesenheit braucht unbedingt mehr Zeit – nennen wir sie Zeit für Kinder, Alte, Nächste, Freunde  und für alles Lebendige um uns, das mehr und mehr verkommt. Dass wir das nicht so ohne Weiteres verschieben können, stößt auf die politökonomische Grenze der Kapitalverhältnisse – noch lassen sich größere Profite erringen, wenn  weniger Menschen länger arbeiten, und ihre Leben ganz den Kompetenzen, die es auch zum Profitmachen braucht, verschreiben. Aber wir könnten als anzustrebendes Ziel uns vorstellen und einfordern, dass auf jedem Vollzeitarbeitsplatz zwei Menschen sich die Arbeit teilen. Das erledigt sogleich das Problem der Arbeitslosigkeit, wir hätten dann mehr Arbeitsplätze als Menschen, die sich darauf bewerben – so können wir uns auch endlich der Qualität der Arbeiten und ihrer Angemessenheit an menschliche Fähigkeiten und ihre Entwicklung zuwenden.

Die neuen Halbzeit-Arbeitsplätze sollten langfristig am besten quotiert sein nach Geschlecht, das bringt die unterschiedlichen Erfahrungen humanisierend ein. Gemeinsam kann die Qualität der Erwerbsarbeit verbessert werden. Es sollen gute Arbeitsplätze sein und ihr Zuschnitt  nicht so, dass alles Schlechte auf einem Haufen landet, auf dem anderen nur das qualifizierte, herausfordernde Kreative. Es ist klar, dass es für einen anderen Zuschnitt der Arbeiten ebenso die Zustimmung aller braucht wie eine Politik um Arbeit, die dies verfolgt. Solche Veränderung der Arbeitsteilung braucht die Veränderung der beteiligten Personen, Selbstveränderung, die man selbst in die Wege leitet.

Die außergewöhnliche Humanisierung, die so in die Einzelarbeiten käme, setzt sich fort in der Zuständigkeit aller für alle Lebensreproduktion, welches ja die Entfaltung sozialer Fähigkeiten bedeutet. Veranschlagen wir dafür weitere 4 Stunden.  Es ist nicht einzusehen, warum solche Menschlichkeit nur dem weiblichen Geschlecht zukommen soll. Es betrifft ebenso alle Männer im Sinne einer Bereicherung.

Da Ökonomie und Politik gegen solche Verschiebung an den alten jetzt in große Krise geratenen Verteilungen festhalten wollen, liegt es unmittelbar auf der Hand, dass die Einrichtung der Gesellschaft, was wir Politik nennen wollen, von allen gelernt und gemacht werden muss. Es ist ein Experiment. Dafür brauchen wir weitere vier Stunden, um die verfahrenen und in einer Sackgasse steckende Gesellschaft in eine lebendige demokratische Gemeinschaft zu verwandeln.

Und jetzt erst, nachdem diese gesellschaftlich notwendigen Dinge geordnet sind, können wir auch daran gehen, die Träume unserer Jugend, das, was in uns schlummert, in die Wirklichkeit zu bringen und in Muße und Genuss, in Anstrengung und Freundlichkeit uns selbst als Zweck setzen.

In dieser vier-in-einem-Perspektive wird selbstverständlich klar, dass Teilzeitarbeit für alle die unbedingte Losung ist . Sie ist selbst ein Lernprozess, eine Herausforderung an uns alle, die uns zum Nachdenken über unsere Gewohnheiten und Vorurteile anstiftet, die sogleich eine Selbstveränderung in Gang setzt, die uns bewusst macht, dass wir ein anderes Zeitregime für unsere Lebensweise brauchen, das wir gemeinsam erstreiten. Formulieren wir die Forderung jetzt um in die einfache Forderung nach radikaler Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, der jeder mit Kraft und Leidenschaft zustimmen kann, weil wir die anderen Stunden brauchen für die Freiheit einer bewussten Verfügung über ein gemeinsames Humanisierungsprojekt, in dem klar ist, dass es keine Herabwürdigung des Lebens und der Personen ist, einer Teilzeitarbeit nachzugehen, sondern die derzeit einzige Möglichkeit ihrer Würdigung als Menschen. Teilzeit ist die neue Vollzeit, womit beide Begriffe aufgehört haben, etwas sinnvoll zu bezeichnen und beständig zu sein. An ihre Stelle rückt die Forderung nach einem menschlichen Leben mit Zeit für die Erledigung des Notwendigen, des sich Kümmerns um Leben und seine Bedingungen, um die eigene Entwicklung und die notwendige Muße, um die politische Gestaltung und Einrichtung der Gesellschaft.

Teilzeitarbeit für alle ist eine Losung, die ständig beraten werden will. Sie ändert das gültige Zeitregime, sie löst das Problem der Arbeitslosigkeit, sie zielt auf Frauengleichstellung, auf die Verbesserung der Arbeiten, auf  ein gutes Leben, auf eine Einmischung aller in die Politik. So fallen Selbstveränderung und Veränderung der Gesellschaft zusammen.

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Vier-in-einem Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen

18. Dezember 2010 Keine Kommentare

Frigga Haug

Wie weiter mit den Diskussionen um die Vier-in-einem Perspektive und das bedingungslose Grundeinkommen?

Überarbeitetes Redemanuskript

Ich danke Euch, dass Ihr hier so gespannt sitzt. Ich bin etwas in der Klemme. Ich habe hier in diesen Räumen schon einmal die Vier-in-Einem-Perspektive vor sehr Vielen lebendig vorgestellt. Ich begann mit einem Märchen und konnte so die Zuhörenden von Anfang an hineinziehen. Das kann ich nicht einfach wiederholen. Gestern habe ich mit Gregor Gysi in Hannover eine Veranstaltung zur Vier-in-einem-Perspektive gemacht, vorgestern im Teutoburger Wald mit Gewerkschaftern, usw.  Jetzt denke ich: nun kennen sie alle. Es ist für mich fast unmöglich, sie immer weiter vorzustellen. Zudem habe ich hier die klugen Frauen gehört, die meine Bedenken bei dem bedingungslosen Grundeinkommen zu zerstreuen begannen. So können wir schon wieder weiter gehen. Beim Zuhören habe ich unendliche Massen von Notizen gemacht, durch die ich jetzt ganz schnell durchkommen muss, um etwas Wesentliches festzuhalten. Beim Zuhören habe ich den ursprünglichen Plan, die Vier-in-einem Perspektive einfach mit einem anderen Einstieg noch einmal vorzutragen, verworfen. Ich steige jetzt quer ein mitten in die begonnene Auseinandersetzung.

Vorweg: Ich habe in der Diskussion schon gesagt, dass mein Verhältnis zum Bedingungslosen Grundeinkommen irgendwie ambivalent  ist, weil ich einerseits begeistert bin, dass es eine Bewegung gibt – ähnlich wie bei Stuttgart 21. Da sind es zwar Bürger, aber gleichwohl ist es eine Bewegung, bei der man sieht, dass die Menschen sich nicht alles gefallen lassen, dass man Hoffnung schöpfen kann, dass es weitergeht, dass sich der Protest auch auf andere Bereiche ausdehnt. Das ist auch die gute Seite am bedingungslosen Grundeinkommen. Zum anderen gefällt mir der Name nicht:  Bedingungsloses Grundeinkommen, das hört sich für mich so an, und das ist ja wohl auch so angezielt, dass der Staat den Menschen, die diese Gesellschaft nicht mehr einbezieht in die gesellschaftliche Arbeit, ein Geld geben. So belästigen sie uns nicht weiter mit ihrer Not, keinen Arbeitsplatz zu haben. Und heraus kommt so etwas wie Brot und Spiele, die Politik im Alten Rom, da diejenigen, die nicht mehr gebraucht wurden, ernährt wurden und ihnen zu ihrer Erheiterung Spiele geboten wurden. Und das war das ihnen zugestandene Leben. Aus  dem Ungenügen einer solchen Perspektive habe ich als erstes begonnen, (wie dies in der Einführung von Waltraud Waidelich schon angedeutet wurde), innerhalb der Partei die LINKE die Frage des Grundeinkommens in einen Zusammenhang zu stellen, der den Stellenwert der Arbeit im Programm diskutiert. Hier habe ich vorgeschlagen, zunächst den Namen zu ändern, und es „die sozialen Garantien des Lebens“ zu nennen, wie dies auch Rosa Luxemburg tut. So gesprochen, wird es nicht so schwerfallen, ein allgemeines Einverständnis zu finden. Ich bin auch dafür, dass alle Menschen die sozialen Garantien des Lebens bekommen. Es gibt also keinen Dissens im Ethisch-Moralischen. Dieses Einverständnis vorausgesetzt habe ich mit der Politik fürs bedingungslose Grundeinkommen drei Hauptprobleme: erstens also das Begriffs- oder Namensproblem, das ja auch ein Hegemonieproblem ist. Das heißt, wen will solche Politik zur Zustimmung gewinnen? Das zweite ist die Perspektive. Da hat aber meine Vorrednerin, Gabriele Winker, schon eine Weile lang versucht, meine Bedenken zu zerstreuen. Also eine Perspektive soll auch im Grundeinkommen die Beseitigung von Frauenunterdrückung sein, mit der ich mich primär theoretisch und politisch befasse. Ist aber Frauenunterdrückung wesentlich eine Geldfrage? Das ist das eine und das andere: Ist eigentlich in dieser Gesellschaft die Beteiligung der Mitglieder an ihr auch eine Rechenfrage? Ist es so, dass wir uns die Beteiligung der Mitglieder an ihrer Gesellschaft so vorstellen, dass dann alle, wie Ihr nach dem ersten Vortrag, dasitzen und gemeinsam ausrechnen, wie hoch das Grundeinkommen eigentlich sein müsste, wie viel Prozent die positive Steuer für die Reichen und die negative Steuer für die Armen ausmachen müsste, um dann zu sehen, dass die Schere zwischen arm und reich zwar bleibt, jedoch ein klein wenig mäßiger ausfällt und das Projekt aus den Steuern finanzierbar ist? Und das Ganze der Frauenunterdrückung und der gesellschaftlichen Regelung in ein  großes Rechenexperiment umgebaut werden kann, oder haben wir nicht doch auch andere Probleme in dieser Gesellschaft, sowohl in unserer als auch global. Aber auch für diese Frage bin ich schon ein bisschen in andere Bahnen gelenkt worden. Dieses grundsätzliche Problem stellt sich ja wohl nur dann, wenn ich die Grundeinkommensfrage so ernst nehme, dass sie sozusagen Standpunkt und Perspektive meiner Politik bestimmt. Vielleicht sollte ich das nicht, vielleicht erarbeiten wir zusammen eine andere umfassendere Perspektive, in der das Grundeinkommen nur ein Mosaikstein ist, den wir dann entsprechend einbauen. Ich weiß nicht, ob das geht.

Ich habe  die Vier-in-einem-Perspektive bestimmt schon fünfzig Mal vorgestellt. An jedem Ort, verstärkt in Österreich, tritt irgendwann irgendeine Gruppe auf oder ein einzelner Mensch und sagt: „Aber wollen wir denn nicht das Bedingungslose Grundeinkommen diskutieren“ und von Stund an geht keine andere Diskussion mehr – es ist eine fast imperialistische Bewegung, denn jetzt wird darauf bestanden, dass dieses diskutiert werde, alles darüber Hinausgehende ist verloren. Dazu muss ich ergänzen, dass alle Grundeinkommensbefürworter, die ich gehört habe, einverstanden sind mit vierineins und behaupten, das ließe sich  prima zusammenbauen. Wir können einen Synergieeffekt erzielen, wenn wir gemeinsam Politik machen. Das einzige Hindernis, das in mir selber liege, könne ich abschaffen, indem ich niemals mehr über Arbeit spreche. Arbeit hört sich nämlich sofort nach Arbeitspflicht, nach Zwangsarbeit an. Wir möchten die Gesellschaft ohne Arbeit denken.

Und das ist jetzt mein zentrales, mein generelles Hauptproblem mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Ich kann nicht ohne Arbeit denken. Wenn ich versuche, mir die Gesellschaft vorzustellen, wie sie ist, wie ich sie kritisiere, wie sie sein könnte. Immer ist Arbeit darin zentral. Ich kriege es nicht hin, einen gesellschaftlichen Zusammenhang ohne Arbeit zu denken. Das liegt vermutlich daran, so könnte man behaupten, weil ich eine Marxistin bin. Aber ich weiß nicht, ob ihr das ernsthaft überhaupt selber könnt. Mein Denken funktioniert also nicht, wenn ich des Denkens von Arbeit beraubt bin. Vielleicht lerne ich das noch im anschließenden Workshop.

Das nächste Problem ist unsere Sprache selbst. Wir können doch eigentlich gar nicht anders sprechen als gewissermaßen metaphysisch, d.h. die Worte, die wir benutzen, kleben fest an den Dingen und nun wissen wir, wie die Dinge sind, auf denen diese Worte sitzen. Aber das ist für jede Bewegung, für jede Veränderung, für jede Politik eine ganz fragwürdige Denkweise. Wir müssen ja die Dinge im Fluss der Bewegung denken und uns darin, die Dinge verändernd und die Dinge sich verändernd und uns dann wieder, wie wir die veränderten Dinge wahrnehmen. Das merkt ihr ganz schnell, wenn Ihr die Probe mit euch macht, über Arbeit zu reden. Zum Beispiel meinen die Vertreterinnen des bedingungslosen  Grundeinkommens, wenn sie über Arbeit sprechen, automatisch Lohnarbeit und nichts anderes. Das kam ja in unserer Diskussion auch schon vor. Und dann, wenn man eine andere Arbeit einführt, z.B. das, was Reproduktionsarbeit genannt wird und den sorgenden Umgang von Menschen mit Menschen meint, scheint das zunächst auch einfach ins Konzept zu passen. Aber wenn der Diskurs jetzt weitergeht, rutscht es wieder zurück in die Lohnarbeit wegen der Kritik an der Arbeitspflicht, die als Nötigung empfunden und eben durchs Grundeinkommen abgeschafft sein muss. Aber die Arbeitspflicht existiert ja bei Reproduktions-, Pflege oder Sorgearbeit ohnehin immer. Sie kommt ja aus der Sache selbst, sozusagen aus den bedürftigen anderen Wesen. Dazu braucht man niemanden zu verpflichten. Da schreien die Aufgaben einen an wie bei Frau Holle, wo die Apfelbäume rufen: schüttle uns, die Äpfel sind schon lange reif; oder das Brot im Ofen schreit: zieh uns heraus, wir sind schon längst gebacken. Von den wirklich schreienden kleinen und großen Menschen will ich hier gar nicht reden. Das versteht sich von selbst. Also passt es schon wieder nicht. Die Logik der Sprache macht mit uns eine Politik, die uns eigentlich auch zwingt, anders zu sprechen.

Dazu kommt noch ein Problem, über das zu sprechen, ich von der Veranstalterin gebeten wurde. Die Diskussion ums Grundeinkommen beginnt auch bei den beiden Vorrednerinnen mit der Ursünde, nämlich mit Hartz. Das ist unsere neue  Zeitrechnung. Am Anfang war Peter Hartz. Vorher gibt es keine Geschichte und keine anderen Entwicklungen und gar nichts. Natürlich ist Peter Hartz ein unglaubliches Wesen, ein platter Nichtdenker, eine politische Gemeinheit. Aber genügt das, ihn als Anfang zu setzen? Ich habe eine Analyse zum  Hartz-Projekt geschrieben, die ich euch zur Lektüre empfehle. (Sie ist im Buch zur Vier-ein-einem Perspektive abgedruckt[1]). Damit kann man Straßentheater machen. Mein Text ist eine einzige Satire, die nichts anderes tut, als Hartzsätze aneinander zu montieren. Bis daraus sein Menschenbild hervortritt. Und dies sieht do aus: Der Mensch ist eine Maschine, die bedauerlicherweise nicht vollständig ausgelastet ist. Es gibt zu viele Stillstandszeiten. Die Menschen wachsen heran, das braucht sehr lange, dann später sind sie lange alt und ausgedient. Sie werden krank: Sie genießen Sonn- und Feiertage, Ferien, Urlaube u.s.w. Und sie arbeiten ohnehin nicht 24 Stunden am Tag, wie eine richtig gute Maschine. Alle Zeit, in der sie nicht arbeiten, müssen wir als Stillstandszeiten sehen, weil der Mensch eben eine Maschine ist. Wenn ihr das gelesen habt, seid ihr furchtbar wütend, nehme ich an. Und es bleibt als Frage übrig: Wer ist eigentlich der Mensch? Und wenn Ihr Euch die Frage so philosophisch stellt, würdet ihr niemals mit Peter Hartz beginnen zum Politik machen, sondern ganz anders, ganz weit vorher. Ich versuche das jetzt einmal. Ich Stelle euch an dieser Stelle die philosophische Fundierung der 4in1-Perspektive vor. Und gehe dann in die  einzelnen Bereiche, sodass wir das Ganze  dann gemeinsam diskutieren können. Das heißt, wir setzen jetzt auf den gemeinsamen Diskussionsprozess, weil ich mich weigere, die 4in1Perspektive noch einmal ausführlich vorzustellen, sondern empfehle, sie sich selbst anzueignen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten: sie steht im Netz, ihr könnt sie schon von mir gehört haben, ich hab hier einige im Raum gesehen, die schon beim letzten Mal dabei waren, und sie ist auch in dem Buch gleichen Namens  ausführlich vorgestellt.

Die philosophische Fundierung des Projekts der Vier-in-einem Perspektive beginnt mit der Frage nach dem Anfang. Dieses Projekt ist selber ein Ergebnis von etwa 30 Jahren Frauenpolitik und -Theorie mit dem Versuch, herauszubekommen, woher eigentlich Frauenunterdrückung kommt. Das ist doch erstaunlich, dass wir seit hunderten von  Jahren Frauenunterdrückung kennen, ja eigentlich über Jahrtausende und sie ändert sich nicht sehr stark. Ich habe eine ganze Reihe von Erklärungsversuchen gemacht. Zum Beispiel bleibt Frauenunterdrückung, indem wir einfach  die Strukturen betätigen und darin leben: Jammere nicht leiste Widerstand, hieß einer unserer[2] ersten Texte. Dann glaubten wir, z.B. Frauen seien nicht so gut gebildet wie Männer. Wir müssten sofort eine große Bildungsanstalt für politische Erziehung für Frauen gründen, und dann werde der Zeitpunkt kommen, an dem wir die Frauenunterdrückung einfach abschütteln. Das war natürlich ein Irrtum. Die verschiedenen Versuche bewegen sich schon auch auf einem richtigen Weg, jedoch genügt das offenbar nicht. Wie dann?

Die jetzt knapp vorzustellende philosophische Fundierung verbindet uns auch mit den vorhergehenden Beiträgen und der oben gestellten Frage: Wie kann es uns gelingen,  dass wir, wenn wir von Arbeit sprechen nicht bloß Erwerbsarbeit meinen, oder, wenn wir Reproduktionsarbeit sagen, wir zwar verzweifelt sind, dass das so ein scheußlicher Begriff ist, aber dann auch nicht richtig sehen, in welches Verhältnis wir das zu Erwerbsarbeit setzen wollen. Gabriele Winker hat gesagt, wir müssen Reproduktionsarbeit zentraler setzen. Das reicht mir nicht, deswegen also die philosophische Fundierung der 4in1-Perspektive. Es beginnt damit, dass es die Menschen sind, die ihre Gesellschaft machen, die ja nicht bloß als Zwangsverhältnis um sie herumsteht, oder vereinfacht gesprochen gehen wir davon aus, dass Menschsein eine Tätigkeit ist. Menschen machen ihre Geschichte, indem sie tätig sind. Zunächst geht es um zwei Arten von Produktion: die Menschen produzieren Leben, ihr eigenes, indem sie es erhalten und weiterentwickeln und fremdes, indem sie Kinder in die Welt setzen. Für beides brauchen sie Mittel zum Leben. Die Produktion der Lebensmittel, die am Anfang der Geschichte äußerst beschwerlich und zeitintensiv war, suchen sie in der historischen Entwicklung immer zeitsparender zu gestalten. Die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, heißt es dann, verstanden als die Weise, wie mit der Natur umgegangen wird, dass Mittel zum leben gewonnen werden, verkürzt die Zeit, in der das Lebensnotwendige hergestellt wird. So kann ein Überschuss produziert werden, können neue Mittel erfunden werden, die die Zeit der notwendigen Arbeit weiter verkürzen. Dieses erbringt das äußerst widersprüchliche oder auch zwielichtige Ergebnis, dass menschliche Entwicklung zwar Zeit und Raum finden kann – man muss nicht mehr 16 Std. arbeiten, um aus einem Acker das zum Überleben Notwendige zu gewinnen –  erinnert Euch an den großen und den kleinen Klaus, in dem dies das Thema war – , wiewohl das noch in einigen Ländern der 3. Welt der Fall ist. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, können Arbeitskräfte freigestellt werden für andere Aufgaben. Eine allgemeine Arbeitsteilung findet statt, und es kann Reichtum akkumuliert werden. Der Bereich der Lebensmittelproduktion erweist sich als äußerst dynamisch. Er ist Quell von Entwicklung, von Bereicherung, von Entfaltung und vor allem bietet er die Möglichkeit, Profite zu machen, andere für sich arbeiten zu lassen, aus der Verfügung über deren Arbeitskraft Gewinne zu erzielen. Ich verfolge die Entwicklung dieses Bereichs jetzt an dieser Stelle nicht weiter, denn das ist schon wieder der Bereich, in dem wir dann Erwerbsarbeit  finden und Lohnarbeit und Kapital und wende mich dem Bereich zu, den wir Lebensarbeit nennen könnten, und der heute gemeinhin Reproduktionsarbeit genannt wird. – (Denkt wirklich mal über einen anderen Begriff nach, denn der Reproduktionsbegriff führt uns in die Irre.) Im historischen Verlauf ist leicht studierbar, wie dieser Bereich, der anfänglich das Ziel war, für den die sog. Lebensmittel produziert wurden, zum untergeordneten Bereich wurde, dessen Wohlergehen ein Beiprodukt wurde des jetzt übergeordneten Bereichs der Lebensmittelproduktion. Das gilt in jeder Hinsicht, materiell: man verdient dort wenig oder nichts, weil dort das meiste aus Liebe getan werden sollte; politisch, die Fragen erscheinen als relativ marginal verglichen zu den ernsthaften Dingen der Gesellschaft im Großen wie Wirtschaft, Banken, Finanzen, Krise, Krieg und so etwas und ideologisch: Was ist schon eine Hausfrau verglichen zu einem Facharbeiter in einem Industriewerk. Indem also Leben fast zufälliges Beiprodukt der Produktion seiner Mittel wird, nennen wir dieses eine grundsätzliche Verkehrung von Mittel und Zweck. Diesen philosophischen Ausdruck einer Zweck-Mittel-Verkehrung versteht man,  glaube ich, ganz schnell. Unter solchen Bedingungen geraten auch Sinn und Ziel des gemeinschaftlichen Lebens in ein hierarchisches Verhältnis zueinander. Insofern müssen wir für weitere Forschungsaufgaben das Zueinander der beiden Produktionen studieren: im Zeitverbrauch, in Bezug auf die Akteure und auf die Lebensweise. Solange die Gesellschaften diese Fragen der eigenen menschlichen Reproduktion in einer dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung angemessenen Weise nicht gelöst  haben, stürzen diese  liegen gelassenen gesellschaftlichen Aufgaben hinterrücks als Krisen und Katastrophen auf sie herab. Sie werden in kleinen Teilen als Reformvorhaben in Bildung, Rente, Gesundheitswesen, Familie usw. diskutiert, der Geldmangel und fehlender Reformwille beklagt, halbherzig verschoben, ohne dass jemals die Verkehrung der menschlichen Ziele, nämlich die Produktion der Mittel zum leben dem Leben selbst vorzuziehen und sodann profitlich zu organisieren, zurückgedrängt wird. Kapitalismus bedeutet also, dass die Fragen der Lebensmittelproduktion denen der Lebensproduktion so bestimmend übergeordnet sind, dass die Zerstörung der Lebensgrundlage die Folge ist. In dieser Ordnung der Bereiche besetzen Frauen herkömmlich den der Lebensproduktion im weiteren Sinn, das wissen wir alle. Damit werden sie zu ungleichen, weniger wichtigen Menschen, die entsprechend anders in der Gesellschaft unterworfen sind, dies bis in die Persönlichkeitsstrukturen hinein. Geschlechterverhältnisse sind demnach nicht einfach Mann-Frau-Beziehungen. Sie sind auch keine Charakterfragen autoritärer oder masochistischer Persönlichkeiten, wie das manchmal gedacht wird, und durch Charakterschulung behebbar. Sie sind selbst als  Produktionsverhältnisse zu begreifen. Ich hoffe das versteht man sehr gut, denn das ist der wichtigste theoretische Ansatz darin. Die Grundlage dieser Produktionsverhältnisse, wie also die Geschlechterverhältnisse in dieser Weise eingebaut sind, ist die Struktur gesellschaftlicher Arbeitsteilung, in der die beiden Produktionen, die des Lebens und die der Lebensmittel im umfassenden Sinne so zueinander gestellt sind, dass die Produktion der Lebensmittel in der Form der Lohnarbeit profitlich organisiert ist und zentral ist und sich den Bereich der Lebensproduktion nicht einfach unterworfen hat – das geschieht erst seit kurzem mit der Entwicklung der Gen- und Reproduktionstechnologie -,  sondern ihn als unwesentlich, als nebenher zu erledigenden ausgesondert hat. Auf diese Weise konnte er an Frauen vergeben werden, weil sie aus viel älterer patriarchaler Unterdrückung kommend, sich quasi natürlich dafür eigneten. Man kann das historisch und aktuell verfolgen, wie dieses Verhältnis bestimmt, wie Frauen und Männer zu sein haben, welches Verlangen, welche Ziele, Bewusstsein, Verhalten ihnen eignet. Man kann studieren, wie das ideologisch paradox abgesichert ist. Damit meine ich, dass alles, was aus Liebe getan wird, einen ungeheuer hohen Wert in der Gesellschaft hat , sehr viel mehr gilt als das schnöde Tun nur um Geld. Das kann eine jede nachfühlen in ihrem Herzen, wenn Ihr das so hört. Und zugleich aber gilt diese Liebesarbeit nichts, weil sie nichts einbringt. Man kann, wenn man sich das so klar macht, erkennen, dass hier Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung in Eins fallen. Man wird nämlich davon ausgehen können, dass dies alles im Wesentlichen so bleibt, solange die Gesellschaft die Frage der menschlichen Reproduktion, also des neuen Lebens und der Erhaltung von Leben und von Natur nicht zu ihrer Hauptsache gemacht hat. So würde ich es betonen: es muss zur Hauptsache gemacht werden, und nicht als zufälliges Abfallprodukt behandelt oder flickenweise in den Prozess der Profitproduktion einbezogen werden je nach Konjunktur. Vereinfacht übersetzt heißt das: es ist elementar für das Begreifen von kapitalistischer Gesellschaft, wie die Reproduktion der Menschen selbst gedacht, geplant und durchgeführt wird und es ist ohne Weiteres  begreiflich, dass innerhalb der Profitlogik die Bereiche Menschen und Natur nur als eine Art Steinbruch vorgesehen sind, der auszubeuten ist.

Das ist also die Fundierung. Davon gehe ich aus. Jetzt komme ich in eine zweite Motivlage zu Vier-in-eins, die nicht ist wie Hartzens Mensch als Maschine. Marx hat im Prozess der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise den Satz gesagt, „Und so kommt es zu dem Resultat“, – das zitiere ich hier auswendig, deshalb stimmt es vielleicht nicht ganz – ,“ dass der Mensch, – damit meint er immer den Arbeiter männlich – in der Arbeit nicht zu Hause ist, und wo er zu Hause ist, nicht arbeitet.“ So, an diesem Punkt haben Feministinnen sich natürlich auch aufgeregt, dass dies wieder typisch sei für Marx, nicht nur habe er den Menschen  als männlichen Arbeiter gedacht, sondern auch vollkommen  übersehen, dass natürlich zu hause gearbeitet wird, wenn auch nicht  von Männern. Diese Kritik finde ich auch völlig einleuchtend. Je älter ich werde, umso leichter fällt es mir, ganz unterschiedliche Positionen einleuchtend zu finden. Ich muss aber dann ein anderes Flickwerk machen, ich muss die Stücke ein bisschen umstellen. Denn an dieser Stelle greift die feministische Kritik auf wirklich tragische Weise daneben, und ich hoffe, dass ihr das merkt, weil das nämlich für unsere Frauenfrage am allerwichtigsten ist. Denn der Gedanke von Marx zielt doch gar nicht darauf ab, wer eigentlich zuhause, soziologisch gesprochen die Arbeit macht, sondern der Gedanke ist, dass die Arbeit in der Lohnform im Industriebetrieb so furchtbar schäbig organisiert, entfremdet und sich gegen die Arbeitenden stellend ist, dass sie in ihr nicht und jetzt kommt das pathetische Zuhause sein, nicht wohnen können, keine Heimat finden, nicht als Menschen sein können. Das ist die kritische Leidenschaft darin, und sie sagt zugleich, dass wo Zuhause ist, also Hoffnung auf Heimat, Hoffnung auf Menschsein und Hoffnung auf Leben, Arbeit nicht vorkommt. Arbeit und Zuhause kommen also in einen Spaltungs- in einen Trennungszusammenhang. Und die Spannung die darin liegt, ist etwas, das mich beim Forschen die ganze Zeit bewegt hat, Wann und wo ist eigentlich die Liebe, die Heimat aus der Arbeit gekommen und wie bringen wir sie wieder zurück? In welchem Diskurs machen wir das eigentlich? Und als Frauen haben wir jetzt die Zusatzfrage natürlich, wie kommt das andere Zuhause, in dem wir jetzt sind, in ein Zuhause, in dem wir als Menschen sein wollen? Denn es ist ja so, dass wir in einem Zuhause sind, – also nehmen wir mal die Kleinfamilie mit dem Ernährer, also noch aus dem Fordismus, wogegen die Frauenbewegung protestierte, weil ja die fordistische Kleinfamilie –  Mann Frau 2 Kinder, eingesperrt u.s.w., – , das wir nicht für eine zukünftige befreiende Lebensweise halten. Das kennt ihr ja alle noch aus der Analyse des Fordismus, falls ihr das je gemacht habt oder aus dem Protest der Frauen. Dieses Zuhause, in dem sie sind, ist ja doch nicht ihr Zuhause, sondern sie sind jedenfalls ebenso in der Fremde wie die Arbeitenden im Betrieb und müssen ihr Zuhause erst noch finden. Dieser Pathos in dieser Formulierung ist jetzt gänzlich verschwunden durch den feministischen kritischen Eingriff, der bloß das Bekannte hervorholte, dass Männer sich zu wenig an der Hausarbeit beteiligen. Aber das ist der Pathos, den ich suchte. Es gibt noch mehr Menschen, die so gesprochen haben. Lenin zum Beispiel hat vorgeschlagen, die Köchin solle den Staat regieren und dazu hat Brecht gesagt, freilich müsste es dazu eine andere Köchin sein und ein anderer Staat und dann hat er danach überlegt, vielleicht wäre es auch eine gute Idee, den Staat wie eine Küche einzurichten und die Küche wie einen Staat.[3] Die Grundeinkommensmenschen, denen ich das mal vorgestellt habe, – ich dachte, es werd sie ungeheuer bewegen, denn es ist doch ein Ausdruck über etwas anderes. Ich hoffe, das hört man doch, obwohl die Sprache uns immer so platt nicht in die Tiefen fallen lässt, sondern auf der Oberfläche bleibt. Dennoch hoffe ich, dass man merkt, dass dieses Leninwort ein Vorschlag ist für Demokratie von unten, für Basisdemokratie. Und zugleich ist es ein Vorschlag für Frauenbefreiung, der versucht, die Politik und die Ökonomie zusammenzudenken. Das ist das Fazit in solchen Sätzen bei Lenin, bei Luxemburg, wie bei Marx: alle, alle sollen lernen, den Staat zu regieren und das heißt: alle sollen die Wirtschaft regeln. Wirtschaft und Staat sollten nicht zwei verschiedene Dinge sein, sondern eines, welches von den Menschen, die in der Gesellschaft leben, gestaltet wird.

In der Diskussion ums Grundeinkommen aber sind deren Vertreterinnen über mich hergefallen und haben gesagt: Jetzt hast du nicht nur Arbeit im Zentrum deiner Überlegungen sondern auch noch Wirtschaft. Wirtschaft ist doch aber das, was endlich in seine Schranken gewiesen werden muss. Ich kann an solchen Denkpunkten gar nicht weiterdenken, weil Wirtschaft und Staat sind doch heute, das sieht doch heute in der Krise jeder und jede, so verknüpft, dass der Staat der Wirtschaft hinterher rennt und die Politik der transnationalen Wirtschaftsunternehmen absegnet und stabil hält. Von dem anderen kann doch gar nicht die Rede sein, dass der Staat die Wirtschaft endlich in ihre Schranken weisen könnte oder dies gar schon täte. Das können wir ja extra diskutieren, wenn ihr auch noch die Hoffnung habt, der gute Staat könne die schlechte Wirtschaft in ihre Schranken weisen.

Aber wird mit dem Satz von der Arbeit, in der Mensch nicht zuhause ist, und im Zuhause nicht arbeitet, noch nicht fertig. In dem Zuhause steckt doch das Pathos des Menschseins, wie es auch in dem Wort Heimat wohnt, das uns schon längst entfremdet ist, weil wir  denken, das ist nur was für Heimatvertriebene, wir wollen nichts damit zu tun haben oder wie es in Blochs Worten gesprochen wird: die Welt wohnlich gestalten. Es gibt fiele Versuche dieses alles zu denken, aber das günstigste, zum denken anregendste für uns scheint mir wiederum ein Vorschlag von Marx, der sagt: wie die Menschen sich zu den Menschen verhalten, das ist eigentlich das Menschliche am Menschen. So nämlich kann man wie er auch sagen, dass die Geschlechterverhältnisse der Gradmesser für die Befreiung der Frau, der Gradmesser für die Entwickeltheit der Gesellschaft  sind, weil man an der Weise, wie sich die Stärkeren zu den Schwächeren verhalten, sehen wird, ob die Gesellschaft aus der Brutalität des Kampfes „jeder gegen jeden“ herausgekommen ist und dafür sorgt, dass alle gut leben können. Dies ist aber unser Bereich, in dem wir beständig uns bewegen, jetzt wir als Gattungswesen Frau, nämlich die Arbeit mit Menschen, also das Verhalten von Menschen zu Menschen. Jetzt habe ich vorhin schon gesagt, ich schiebe diesen Bereich in seiner Bedeutung noch etwas weiter nach oben, weil dieses der eigentlich menschliche Bereich ist. Wir haben also diesen Bereich der Lebensmittelproduktion und dann diesen menschlichen Bereich und blicken auf die Frauenbewegung, die – anders als es überliefert ist, nicht ständig für Gleichstellung gestritten hat und auch nicht nur für die Anerkennung der Hausarbeit. Aber nur dieses ist überliefert. Aber  Anerkennung der Hausarbeit ist dann doch ein Element, welches dann übergleitet in die Frage, sollte nicht auch Hausarbeit bezahlt werden und sollte nicht auch dieser Bereich, in dem die Menschen sich zu Menschen verhalten, in die Lohnform überführt werden? Das ist mein nächstes politisches Widersprechen gewesen. Ich habe dagegen protestiert, weil dieser Bereich von Mensch zu Mensch von den zu befriedigenden Bedürfnissen her in einer anderen Zeitlogik geschieht. In dem anderen, der Erwerbsarbeit, muss darauf geachtet werden, dass das immer kürzer geschieht, immer rationeller, immer schneller bis hin, dass es automatisiert ist und nur noch im Sekundentakt vollbracht wird. – Man kann dies am schönsten in dem Chaplin Film Modern Times nachvollziehen, da kann man auch studieren, was geschieht, wenn diese Zeitlogik der Rationalisierung aufs Essen übertragen wird. In dem Bereich, wo Menschen  sich zu Menschen verhalten, stellt sich die Frage genau umgekehrt. Je mehr Zeit darauf verwendet wird, desto wahrscheinlicher, dass es gelingt. Wenn man das unter die Zeitpeitsche nimmt und verkürzt, dann habt ihr diese neuen Formen von Altenpflege wo man 1 ½ Minuten für diese Sache hat und 2 Minuten für jene, und diese Praxis ist schlicht  völlig inhuman. Ich habe auch mit dem Pflegepersonal darüber diskutiert. Die Schwestern in einem neoliberal durchrationalisierten Krankenhaus haben versichert[4]: „Früher, da war die Arbeit schwer, und wir hatten Mühe, alles mit unseren Kindern und Familien in eine Zeitabfolge zu bringen, die wir gut leben konnten. Aber heute ist die Pflege abgeschafft. Wir haben gar keine Pflege mehr. Also ist der Sinn aus unseren Beruf verloren gegangen und wir sind froh wenn wir endlich pensioniert werden und wenn wir endlich hier raus sind.“ Und wenn sie pflegen wollen, dann kommen sie nach ihrer Schicht, also in ihrer Freizeit noch einmal rein und waschen einem z.B. die Füße und erzählen. Aber es gehört nicht mehr in die Arbeit hinein. Soweit zur Frage der Zeitlogik, die je Bereich verschieden ist. Und wenn man das so lässt und zustimmt, dass dieser Bereich, der so liebevoll von Frauen getätigt wird, –  falls sie die Kinder nicht verwahrlosen lassen – , dass dieser keine Zeitmessung hat und nicht in der Lohnform ist, führt das in unserer Gesellschaft dann dazu, dass hier Umsonstarbeit geleistet wird. Andere kriegen Geld für ihre Arbeit und diese nicht. Auf diese Weise kommen wir sozusagen aus dem Schneider einfach nicht heraus. Wir haben die dem innewohnende Problematik nicht gelöst und sind bestenfalls einverstanden, dass dieser Bereich der zentrale menschliche ist. Infolgedessen schlage ich vor, dass wir aufhören, ein Entweder/Oder zu denken, sondern stattdessen die Bereiche zu verknüpfen. Wir wollen den einen Bereich, die Erwerbsarbeit, als ein Menschenrecht für alle erstreiten. Wir wollen den anderen Bereich, das Leben mit Menschen, den Umgang mit Menschen ebenfalls als ein Menschenrecht für alle erstreiten, also verallgemeinern, so dass auch Männer ihre sozialen Fähigkeiten entfalten können. Wir wollen sie ihnen nicht absprechen. Also habe ich jetzt zwei Bereiche, die stelle ich nebeneinander und das bedeutet, dass aus dem einen Bereich Erwerbsarbeit, das Einkommen so gestaltet sein muss, dass man davon gut leben kann, und dass der zweite Bereich keinesfalls bezahlt wird, sondern dass im Lohnbereich erstritten wurde, dass das genügt. Es kostete übrigens Mut die familiären Sorgetätigkeiten Arbeit zu nennen. Da gab es viele männliche Freunde, die empört einwandten: „Jetzt erfindest du auch schon Beziehungsarbeit oder ähnlich. Du bist doch Marxistin, das kannst du nicht tun.“ Wer wäre man, da nicht verunsichert zu werden.  Aber man ringt sich durch, man schleift sich auch ab. Also wir haben zwei Arbeitsbereiche.  Aber ich bin an der Stelle natürlich noch nicht fertig. Als ich erst einmal so weit war, war ich auch etwas skrupellos geworden. Ich fand auf dieser Ebene noch zwei Bereiche, die ich Arbeit nennen wollte. Der eine ist die  Arbeit an sich selbst, die Selbstentwicklung, Selbstentfaltung, Entwicklung eigener Fähigkeiten. Muße wurde vorhin genannt. Ich halte die Möglichkeit, sich künstlerisch zu entfalten, also kreativ etwas anderes zu machen, tanzen, malen, dichten, erzählen musizieren, Theater spielen, singen für eine zutiefst menschliche Arbeit. Ich schlage vor, diese Möglichkeit für alle Menschen zu verlangen, so dass sie aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen, dass sie nicht einfach dahin vegetieren, dass sie nicht mehr in die Konsumentenform abgedrängt werden können, sondern, dass sie lebendig mit allen Sinnen in der Welt sind. Daraus folgt im übrigen, dass der Begriff und Praxis der Eliten nicht ein Begriff für die Oberklasse bleiben sollte, sondern für alle gelten könnte: alle sollen sich schöpferisch entfalten, alle können Elite sein, auch wenn sich dies auf den ersten Blick paradox anhört. Spätestens wenn ich an dieser Stelle angekommen bin, muss ich darauf stoßen, dass auch alle Politik noch zu ihrer Arbeit machen. Denn wer sollte sonst diese Umgestaltungsarbeit übernehmen, wenn nicht wir?  Also habe ich einen vierten Sektor, das ist die politische Einmischung von allen. Diese Anordnung mit den vier Arbeitsbereichen, leuchtet ein und wirft zugleich ein neues Problem auf. Es ist vielleicht wirklich nicht gut, und da hoffe ich auf Eure Mitarbeit, all dieses Arbeit zu nennen, weil wir diesen industriellen Beigeschmack des Begriffes einfach nicht loswerden. Er klingt immer weiter irgendwie nach Lohnarbeit, nach Industriearbeit. Und ich bin unsicher, ob das möglich ist, eine kulturelle Revolution zu gewinnen, in der Arbeit als Selbstentwicklung als Eingriff und Gestaltung von Gesellschaft und Natur ein möglicher tragender Begriff wird. Ich habe versucht, auch mit den Vertreterinnen des bedingungslosen Grundeinkommens,  die Arbeit eher verpönen, mehr Klarheit zu gewinnen und dann vorgeschlagen, alles Tätigkeit zu nennen.[5] Das ist besser, wenn das alles Tätigkeiten sind, und wir haben vier größere Tätigkeitsbereiche, aber es verdeckt zugleich, bzw. macht es unverständlich, dass das Projekt der vier Tätigkeitsbereiche in einer Perspektive auch ein Angriff auf die jetzige Ordnung der Arbeitsgesellschaft ist. Der Weg zurück ist zu weit. Denn die Politik in diesem Vier-Bereiche-Mosaik kann jetzt auf folgende Weise ganz einfach formuliert werden. Nehmen wir einmal an, wir sind 16 Stunden am Tag tätig, dann können wir erst einmal großzügig auftreten und den Regierungsvertretern, die Arbeit beschaffen wollen und den Sozialtheoretikern, die behaupten, es gebe eine Krise der Arbeitsgesellschaft, der Gesellschaft gehe die Arbeit aus, entgegenhalten: Ganz im Gegenteil. Wir haben sehr viel zu viel Arbeit. Soviel Arbeit ist ungetan im zwischenmenschlichen Bereich, im Umgang mit der Natur und außerdem müssen wir uns politisch einmischen, ferner müssen wir uns selbst entwickeln so dass wir gar keine Zeit haben. So fordern wir als erstes eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf die Hälfte, denn mehr können wir uns gar nicht erlauben. Wir teilen also die 16 Stunden in vier mal vier. Die Arbeit von Menschen mit Menschen, die Verallgemeinerung dieser Lebensarbeit bekommt jetzt ein Viertel  unser aller Zeit. Der dritte Teil gilt der Arbeit an sich selbst, der  Selbstentwicklung. Da gab es schein eine Reihe konkreter Forderungen, und es müssen all diese künstlerischen Möglichkeiten für Menschen ja organisiert werden. Alle müssen die Möglichkeit haben, sich zu entfalten, wo immer sie wollen. Und dann müssen wir auch die Stellvertreterpolitik absolut in ihre Schranken weisen und selbst Politik machen – Alle.

Als ich das soeben erschienene Buch Briefe aus der Ferne[i] gemacht habe, hatte ich 50 Briefe aus aller Welt bekommen, als Antwort auf die Frage nach einem möglichen linken feministischen Projekt heute. Alle hatten eine englische Kurzfassung der  Vier- in-einem Perspektive gelesen, und arbeiteten das für sich um, erzählen andere Sachen aus ihren Länden und berichten von ihrer politischen Einmischung. Das ist sehr schön zu lesen, wenn man es ganz liest, weil man dann sieht, wie vielfältig es ist zum einen, dann wie eigenartig gemeinschaftlich, weil so gut wie alle daran arbeiten, das wir jetzt endlich eine Politik des Wir machen müssen. Das Wir haben wir ja gar nicht, sondern das ist ein Projekt. Wir möchten aus den verschiedenen Gegenden der Welt ein Projekt haben, in das wir alle eingeschlossen sind als Wir. Das ist so die durchgehende Linie. Aber das konnte meine Bedenken gegen mich selbst nicht auslöschen. Ich bin auch ruchlos mit dem Arbeitsbegriff mit dem Tätigkeitsbegriff, mit der Umstürzung von der Bedeutung der Erwerbsarbeit im Verhältnis zu den anderen Arbeiten. Übrigens fordere ich gleichzeitig in diesem Kontext, dass der Erwerbsarbeitsbereich weniger wichtig  genommen wird, so dass auch Identitäten nicht vollkommen zerbrechen, wenn man arbeitslos wird. Auch wird man, weil das gar nicht mehr soviel Zeit in Anspruch nimmt, sich auch auf seine anderen Füße stellen können und vielleicht zustimmen, dass der Bereich des Lebens wichtiger genommen wird und deswegen dem anderen vorgeordnet ist.

Betrachten wir an dieser Stelle das Projekt der Vier-in-einem Perspektive mit politischen Augen. Die Idee ist also, diese vier Bereiche miteinander zu verknüpfen. Das hört sich an, wie ein Flickenteppich und sehr harmlos. Das ist es aber nicht. Weil jeder dieser Bereiche, miteinander verknüpft, anders wird. Der Erwerbsarbeitsbereich, das habt ihr gerade gehört, ändert sich in seiner Bedeutung und natürlich in seiner Zeit und damit seiner Bestimmung von Identität und den Möglichkeiten von Entwicklung. Der andere Bereich der sorgenden Lebensarbeit wird allgemein und dabei ist noch zu erarbeiten, dass dieser Bereich von Mensch zu Mensch ja die Grundlage von Solidarität ist. Das heißt,  diese menschliche Haltung wird fundierter, größer, möglicher. Und die Frage der Selbstentwicklung wird jetzt bloß nicht nur ein individuelles Hobby, sondern es wird menschenmöglich, in sich die schönsten Potenzen zu entdecken. Man kann dies in Bewegungen erfahren. In der Frauenbewegung konnte man dies erleben. Da gibt es etwa eine Gruppe von Frauen, die haben bisher gar nichts gesagt oder nur beiher irgendwie ein mickriges Protokoll geschrieben haben. Sie sind unauffällig. Man vergisst sie leicht. In der Bewegung aber erkennt man plötzlich, die eine kann Flöte spielen, die andere hat eine große Begabung und Lust, Theater zu spielen, wieder kann fantastisch reden plötzlich und man stellt fest, wie großartig Menschen sein können. Schließlich ist ohnehin klar, dass, wenn alle Politik machen, die Stellvertreterpolitik langfristig in ihre Schranken gewiesen wird und diese neue Politik eine andere sein wird, lebendiger, weniger bürokratisch, nicht ans sich selbst, sondern an den Bedürfnissen orientiert.

Worum es uns bei alledem gehen muss, ist, die Verfügung über Zeit wieder zu gewinnen, also die Fremdverfügung über Zeit abzuwerfen. Der Satz ist ebenso allgemein wie konkret gültig für die Fragen der Frauenbefreiung. Denn Frauenunterdrückung hat ja ihren Ursprung in der Verfügung der Männer über die weibliche Arbeitszeit und ihre sexuellen Körper. Auch in der Lohnarbeit geht es um die Verfügung über  Arbeitskraft und Zeit. Beides sind Verfügungen über Zeit, woraus wir schließen können, dass alle Herrschaft auf der Verfügung über Zeit und Körper gründet. Andere für sich arbeiten lassen ist die Devise und die zentrale Frage seit Beginn des Kapitalismus: wie macht man am besten Profit.

Damit komme ich zu meiner letzten Denkschwierigkeit in Bezug auf unsere Gesamtthematik. Wie kann ich ein bedingungsloses Grundeinkommen fordern, womit ich zwar den Leistungsdruck und den Arbeitszwang brechen will, wenn ich im Grunde davon ausgehe, dass ich die Verfügung über Arbeitkraft und Zeit zurückdrängen muss zugunsten einer Verallgemeinerung des „Alle sollen arbeiten“, wie das Rosa Luxemburg sagt, „keiner soll auf Kosten von anderen leben.“ Das bringe ich nicht zusammen, ich bringe die beiden Parolen nicht zusammen. Und doch kann ich natürlich hegemonietheoretisch sehen, dass es auch Anklang finden muss, wenn ich jetzt einwende, nein, nicht alle sollen arbeiten. Das ist ja Arbeitspflicht, das kennen wir. Das ist aus dem Faschismus oder sonst woher,  Sklaverei geradezu. Jeder soll das machen was er will. Die Gesellschaft ist reich genug. Das aber bringe ich mit meiner Arbeitsethik nicht zusammen. Ich denke weiter, alle sollen die notwendige Arbeit, die immer weniger wird dank der Entwicklung der Produktivkräfte,  so aufteilen, dass jeder daran beteiligt ist. Wir können ja nicht so vorgehen, dass es uns nichts angeht, wo das Essen herkommt und wer eigentlich die immer noch viele notwendige Arbeit macht. Sondern alle sollen sich daran beteiligen und innerhalb dessen wollen wir darüber nachdenken, was eigentlich gute, menschenwürdige Arbeit ist, an ihrer Verbesserung arbeiten und sie immer weiter zeitlich zurückdrängen. Ich überlasse es der Diskussion, diesem hartnäckigen Arbeitsgedanken zu widersprechen. Und mein Hegemoniegedanke war: Ich glaube, dass man für die Vier-in-einem Perspektive, so auch  meine bisherige Erfahrung damit,  die Zustimmung relativ leicht organisieren kann, auch eine Bewegung darum herum. Während wir uns bei dem bedingungslosen Grundeinkommen wir den Hass aus der Arbeiterklasse zuziehen, weil sie ja aus der Geschichte kommt mit dem Pathos von Rosa Luxemburg: Keiner soll auf Kosten von anderen leben, das geht nämlich gegen die Oberen, die das seit Jahrhunderten getan haben, die die anderen für sich arbeiten lassen. Also brauchen wir eine Ethik, die diesen Teil notwendiger Arbeit gleichmäßig verteilt und nicht den Reichtum umverteilt, sondern die alle Arbeit verteilt aus allen vier Bereichen.


[1] Schaffen wir einen neuen Menschentyp. Von Henry Ford bis Peter Hartz. In: F. Haug, Die Vier-in-einem Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008, 2. A 2009

[2] Das Wir in den folgenden Sätzen kommt daher, dass ich mich immer in Frauengruppen bewegt habe, es sich also um Aussagen eines Kollektivs von Frauen handelt.

[3] Die Sache mit der Köchin habe ich ausgeführt in meinem Stichwort Köchin im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, Band 7/2, 2010.

[4] Abgedruckt in meinem Beitrag Patient im neoliberalen Krankenhaus, in dem Buch zur Vier-in-einem Perspektive.

[5] Ein lehrreicher Dialog mit einer Vertreterin des bedingungslosen Grundeinkommens und mir, ist  abgedruckt im soeben erschienen Buch, Gruber/Haug/Krüll, Arbeiten wie noch nie?!, Hamburg 2010


[i] F. Haug, Briefe aus der Ferne. Anforderungen an ein linkes feministisches Projekt heute. Hamburg 2010

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