Historischer Moment?
Mehr als 200 Frauen waren am Morgen des 20. Juni zum Frauenplenum am Tag des Linke-Wahlprogrammparteitages gekommen. Angespannte Fröhlichkeit es war klar, es ging um etwas. Es ging um nicht weniger, als der Partei Die Linke endlich unübersehbar ins Programm und in die Köpfe zu schreiben, daß sie ihrem Namen nicht gerecht werden kann, wenn sie weibliche Erfahrungen und Perspektiven für eine menschlichere Gesellschaft weiter ignoriert. Und es ging darum zu zeigen, daß die Linke ein Ort ist, an dem Frauen selbstbewußt Politik machen und Verantwortung übernehmen für eine Gesellschaft, in der menschliche Entwicklung mehr zählen soll als Profitinteressen.
Mit starker Stimme auf dem Parteitag sprechen – das wollten alle Teilnehmerinnen des Plenums. Schon im Vorfeld war der Entwurf eines gemeinsamen Wahlaufrufs intensiv diskutiert und modifiziert worden. Ziel war es, Leitlinien für eine Politik vorzulegen, die sich nicht nur dem Kampf gegen herrschende Mißstände und Ungerechtigkeiten verschrieben hat, sondern auch schon eine Alternative vorschlägt. Debattengrundlage war Frigga Haugs »Vier-in-einem-Perspektive«. In ihr wird eine neue Zeitverfügung und -verteilung in den Bereichen Erwerbsarbeit, Reproduktion, eigene Entwicklung und Gesellschaftsgestaltung vorgestellt (siehe dazu auch jW-Feminismus-Beilage vom 25. Februar). Das, was wir gemeinhin als menschlich bezeichnen Fürsorge, Liebe, Mitleid, was aber nichts zählt, weil es sich nicht rechnet, wird in dieser Perspektive aus den häuslichen vier Wänden entlassen und radikal aufgewertet. Mehr als vier Stunden Erwerbsarbeit können wir uns nicht leisten. Nicht nur vier bis fünf Millionen Arbeitslose geben Zeugnis davon, daß die Produktivität in der Bundesrepublik längst hoch genug ist für eine allgemeine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit.
Für etliche zu radikal
In Wahlkampfzeiten fand dieser für Die Linke radikale Entwurf nicht nur Freundinnen. Da gab es Angst vor der eigenen Courage im Vorbereitungskreis, der mit Vertreterinnen verschiedener Strömungen besetzt war, unter ihnen sowohl Mitglieder von LISA, der feministischen Arbeitsgemeinschaft der Linkspartei, als auch Vorständlerinnen. Die aktuelle Verschärfung der sozialen Verhältnisse durch die Wirtschafts- und Finanzkrise tat ein übriges. So wurde dann auch die Zuspitzung der »Vier-in-einem-Perspektive« auf die provokante Parole »Teilzeit für alle« im Vorfeld von einigen abgelehnt.
Eine Zeit lang sah es so aus, als würde der Plan scheitern, einen gemeinsamen Aufruf zu verabschieden. Nicht, weil es umfassende Kritik gab. Die gab es lediglich in einigen Punkten. Gleichwohl nahmen die Arbeitskämpfe der Gegenwart breiten Raum in der Debatte ein. Berichten von Frauen, die die Kämpfe im Kita- und Einzelhandelsbereich aktiv unterstützen, einer Betriebsrätin und Vertrauensfrau von Opel Eisenach, die die Gemeinsamkeit ihres Kampfes mit dem der Karstadt-Beschäftigten betonte, wurde erweiterte Redezeit eingeräumt. Sie erhielten viel Applaus und kämpferische Solidaritätserklärungen. In Frage stand nie der Aufruf in seinem Inhalt, sondern eher die Zumutung, zu einem Zeitpunkt über ein Stück Theorie zu diskutieren, an dem von Frauen maßgeblich bestimmte Politik auf der Straße stattfindet. Es war nicht leicht klarzumachen, daß beides nicht gegeneinander steht, sondern daß ein Aufruf, der menschliche Entwicklung ins Zentrum rückt, die konkreten Kämpfe abstützt und sogar ein Brückenschlag sein kann, der alltägliche Auseinandersetzungen und Vorstellungen von einem besseren Leben miteinander verbindet. Ganz im Sinne einer revolutionären Realpolitik, wie Rosa Luxemburg sie versteht. In dieser Lage war es dann umso bemerkenswerter, daß das Plenum zu einer Einigung kommen und sich mit einem gemeinsamen Aufruf über alle Strömungen und Zweifel hinweg auf dem Parteitag einbringen konnte. Dies ist als eine Art historischer Wende in unserer Politik um Frauen und der Frauen in der Partei nicht hoch genug einzuschätzen.
Es waren zwei eindringliche Appelle, die die Einigung beförderten. Eine kompetente Antragskommission und eine kompromißbereite Vorbereitungsgruppe führten das Plenum souverän zur Zustimmung zu einem Aufruf, der vom feministischen Standpunkt kapitalismuskritisch auf eine Gesellschaft mit radikal veränderter Arbeitsteilung zielt. Die Freude und Erleichterung über das Erreichte war vielen anzusehen.
Ernüchterung
Einen ersten Dämpfer erfuhr die Aufbruchstimmung mit der Eröffnung des eigentlichen Parteitages am Mittag das Frauenplenum war ihm vorgelagert durch den Tagungsleiter, der die Delegierten launig mit der Bemerkung begrüßte, daß die Genossen noch ausgeruht, die Genossinnen aber schon abgekämpft seien. Derlei machohafte Koketterie allein könnte frau noch selbstbewußt ignorieren. Doch die Impertinenz dieses Witzes setzte sich in der Art und Weise fort, wie der Parteitag auf den von der stellvertretenden Vorsitzenden Ulrike Zerhau vorgetragenen Bericht reagierte. Es war schlicht demütigend für alle Teilnehmerinnen des Plenums. Oskar Lafontaine hatte zuvor seine im Zeitplan der Konferenz vorgesehene Redezeit um mehr als das Doppelte auf etwa zwei Stunden ausgedehnt.
Danach hätten viele tatsächlich eine Pause gebraucht. Aber nun wollte die Tagungsleitung wieder Zeit gewinnen auf Kosten der Frauen und ihrer Präsentation. Die begann damit, daß frauenpolitische Forderungen aus den Programmatischen Eckpunkten der Partei auf lila Transparenten an den Balustraden der Gästetribünen enthüllt wurden und sechs Frauen ein Banner mit der Forderung nach radikaler Verkürzung der Arbeitszeit auf die Bühne trugen. Schon während dieser Inszenierung verließ ein großer Teil der Delegierten weibliche wie männliche stühlerückend und in lauter Unterhaltung den Saal. Aufbruch war angesagt. Auch die noch Anwesenden verstanden den Auftritt der Frauen offenbar als Pausen einlage. Entsprechend geräuschvoll ging es zu. Irgendwann mahnte der Versammlungsleiter zur Ruhe, und irgendwie gingen die 15 Minuten der Redezeit für die Vertreterinnen des Frauenplenums vorbei. Reflexhafter Beifall, das war?s. In keinem der folgenden Beiträge wurde auf den Aufruf oder das Frauenplenum Bezug genommen. Auch die Presse hüllte sich weitgehend in Schweigen. Unser Ziel, eine andere Frauenpolitik vorzuschlagen, verkam in dieser Anordnung und Atmosphäre zu einer Nebensache.
Umfassender Anspruch
In der Linken, die in ihren Strukturen männlich dominiert ist, gilt Frauenpolitik vor allem als Politik gegen die besondere Benachteiligung von Frauen. Hier wird sie eingereiht in den unendlichen Strom von Ungerechtigkeiten in dieser Gesellschaft, die schon lange bekannt sind. Als hätten Frauen nicht mehr zu sagen, als daß sie Unterdrückte und Opfer seien. Dabei kündigt sich in der Krise an, daß in der Zeit nach dem Neoliberalismus, die jetzt beginnt, die Bereiche der Re-Produktion des Lebens ins Zentrum von Politik rücken müssen. Die Wirtschaftskrise führt vor, daß die Konzentration auf den Profit, die auch eine Konzentration auf die Erwerbsarbeit im kulturellen Selbstverständnis der Gesellschaft bedeutet, an ein Ende gekommen ist. Die Klimakatastrophe verlangt nach einem schnellen Zurückfahren industrieller Produktion, die Hungerkrise nach Umverteilung. Beides ist ohne das Mitwirken der Bevölkerung nicht zu machen. Diktatur oder radikale Demokratie: in dieser Zuspitzung besetzen Frauen einen Schlüsselposten, für dessen Einnahme auch sie sich verändern müssen.
Ohne die Teilhabe von Frauen ist linke Politik zum Scheitern verurteilt. So ernst ist es.
- Die Autorinnen sind Mitglieder bzw. Sympathisantinnen der Partei Die Linke
- Der Wahlaufruf und der Bericht im Internet: die-linke.de/partei/organe/parteitage/bundestagswahlparteitag_2009/frauenplenum/wir_koennen_auch_anders_es_ist_an_der_zeit/
- Bericht von Ulrike Zerhau: die-linke.de/partei/organe/parteitage/bundestagswahlparteitag_2009/frauenplenum/seien_wir_realistisch_fordern_wir_das_unmoegliche/
Artikel veröffentlicht in der Jungen Welt 17.07.2009:
http://www.jungewelt.de/2009/07-17/003.php?sstr=frauenplenum

Liebe Genossin Frigga Haug,
den o. g. Bericht und Euren Wahlaufruf habe ich (Jg. 1929) mit Interesse
und Zustimmung gelesen.
Allerdings deckt sich beides nicht nur weitestgehend mit meinen heutigen
Erkenntnissen und Wünschen, sondern auch mit den Vorstellungen, die wir
- damals noch sehr jungen – Genossen bereits 1945/1946 mit den “alten”
diskutierten.
Ihr nennt das nun “Vier-in-einem-Perspektive”. Für uns bedeutete das den
Inhalt des Sozialismus, den wir als Fernziel vor Augen hatten und dem
wir uns danach in der Realität Schritt für Schritt näherten – auch bzw.
vor allem wir Frauen.
Ich will Dir hier keine Diskussion aufzwingen, für die Du wahrscheinlich
weder Zeit oder Lust hast. Aber mir ist schon sehr lange rätselhaft,
weshalb Ihr verdienten Alt-BRD-Feministinnen die Erfahrungen und vor
allem das Lebensgefühl unserer DDR-Frauengenerationen derart hartnäckig
ignoriert. Sicher, es gehört ja heute bereits erheblicher Mut zu der
Aussage “Es war nicht alles schlecht in der DDR”, und wer sich noch
weiter versteigen würde (z. B. “Es war noch nicht alles gut in der
DDR”), bekäme auch in bestimmten Gremien der Linkspartei erhebliche
Probleme – anders als beim “einfachen Ost-Volk”, wie sämtliche Umfragen
zeigen. (Und dafür, dass in der DDR “noch” nicht alles gut war bzw. sein
konnte, gab es bekanntlich auch allerhand nicht-hausgemachte Ursachen).
Langer Rede kurzer Sinn: Bei aller großen Sympathie für Euer Anliegen
befürchte ich, dass Ihr zumindest bei meiner und der nachfolgenden
DDR-Frauen-Generation kein großes Echo finden werdet, so lange unsere
Erfahrungen und – jawohl – unsere so zu sagen “systemimmanenten
Errungenschaften” (die wir größtenteils nicht mal selbst erkämpfen
mussten) nach dem Motto “DDR = Pfui Teufel!!!” völlig außen vor
bleiben.
Das musste ich denn doch endlich mal los werden.
Übrigens: Wer mehr über uns “normale” DDR-Frauen wissen will, dem stehen
beispielsweise in der Buchreihe “Spurensicherung” bzw. “Spuren der
Wahrheit” (mittlerweile erscheint im GNN-Verlag Schkeuditz der 10. Band)
eine Vielzahl von ungeschönten Erfahrungsberichten zur Verfügung.
Falls Du selbst daran Interesse hast und mir eine Adresse nennst, würde
ich Dir zumindest Bd. 1 (“Wege in die DDR”) zuschicken.
Ansonsten, trotz aller Vorbehalte: Viel Erfolg für Eure Bemühungen!
Und falls Ihr Euch irgendwann zu einem anderen Umgang mit uns
durchringen solltet, sind solche wie ich jedenfalls auch noch dabei!
Mit freundlichen Grüßen
Ursula Münch
Das finde ich gut und ich wusste das und hoffte es zugleich, denn alle 4
Bereiche sind ja mit Klassiker-Zitaten unterfüttert – und ich würde das
auch Sozialismus nennen – so ausgefaltet auf die 4 Dimensionen ist es
heutzutage nicht nur leichter verständlich, denke ich, sondern zugleich
jeweils eine Aufforderung, keinen der Bereiche zu vergessen , was
gemeinhin nämlich üblich ist.
Es verwirrt mich ein bisschen, weil ich spätestens von 89 an mit
DDR-Frauen zusammenarbeite, wo ich kann – ja bei der Gründung des
unabhängigen Frauenverbands mit machte, eine Broschüre mit ihnen machte
(„ohne Frauen ist kein Staat zu machen“) und so – es würde Bände füllen,
das alles aufzulisten – z.B. hatten wir teilweise 8 DDR-Frauen in der
Argument-Frauenredaktion.
Und ich nehme immer DDR-Texte in meine Vorlesungen und Konferenzen auf
es folgt daraus, glaube ich, wir sollten mehr miteinander diskutieren,
z.B. auf dieser Webseite. Und vielleicht kommst Du dann auf die nächste Tagung, die wir zusammen machen – in Erkner im letzzten oktober hatten wir beschlossen, dass sie zu Erfahrungen von Ost und West Frauen gehen sollte.
Herzlich Frigga
Sehr geehrte Frau Haug,
Ich habe eben den Bericht in der Jungen Welt gelesen:
“Schon während dieser Inszenierung verließ ein großer Teil der Delegierten – weibliche wie männliche – stühlerückend und in lauter Unterhaltung den Saal. …”
Ich erinnere mich, daß in einer sehr vergleichbaren Situation die berühmte Tomate geflogen ist ….
In diesem Sinne viel Erfolg bei Ihrer außerordentlich notwendigen Arbeit
mfG – Karl Ludwig
Liebe Frauen,
ich finde den Artikel richtig super und bedanke mich bei allen Autorinnen für die geleistete Arbeit ganz herzlich!!!
Liebe Grüße von Biggi
dem kann ich mich nur anschließen,
liebe Grüße von Conny
Liebe Frauen,
danke für den ehrlichen, aussagekräftigen Bericht! Ich habe ihn gerne direkt
an interessierte Frauen weitergeleitet.
Noch mal danke und ein schönes Wochenende
Edith
Liebe Frigga, liebe Jutta, liebe Cornelia, liebe Nicola,
von eurem Artikel in der JW bin ich sehr angetan. Das ist ein wichtiger Schritt. Weshalb hat das nicht das ND gebracht? Ist aber auch egal. Mit dieser Konsequenz muss es weiter gehen.
Euch vielen Dank!!
Evelin
Liebe Frigga, hallo alle
wir hatten den Artikel auch in unserer internen Presseschau, die an viele Leute der Landesebene NRW geht, sowie an alle NRW-Abgeordneten.
Mir hat der Artikel gefallen, vielen Dank.
Echoige Grüße
Anna
Liebe alle, liebe Frigga,
ich schließe mich Anna an – wir versuchen in NRW, den Artikel so breit wie möglich zu verteilen.
Darüber hinaus schreiben wir gerade an den Entwürfen zu unserem Landtagswahlprogramm. Dabei versuchen wir, sowohl 4-in-1 als auch einen grundsätzlichen feministischen Ansatz in unsere Entwürfe zu schreiben.
Herzliche Grüße
Pamela