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Archiv für Dezember, 2008

eine vernünftige utopie

2. Dezember 2008 Kommentare ausgeschaltet

P.S., die linke Zürcher Zeitung / Buchbeilage 13.3.08

Frigga Haug, die alte deutsche Feministin und Sozialistin, bündelt politische Lebenserfahrungen und wirkt dabei erstaunlich jung.

Hans Steiger

Sie bewundere Frigga Haug „wegen ihrer Unermüdlichkeit, ihre emanzipatorischen Ziele zu verfolgen“, schrieb Elfriede Jelinek zum 70. Geburtstag der auch im eigenen Umfeld oft gegen den Zeitgeist argumentierenden Autorin und Aktivistin. Bei einem Vortrag in Zürich, zu dem Frauen vom Revolutionären Aufbau eingeladen hatten, führte sie kürzlich vor, wie mit sorgfältigen Analysen aus Niederlagen und Irrtümern zu lernen ist. Was sie dort als Perspektive für eine gerechtere, am Ende für alle lebenswertere Zukunft skizziert hat, liegt nun – mit vielen zusätzlichen Materialien – in einem Buch vor. Eine lohnende Lektüre zwischen dem 8. März und dem 1. Mai!

Kompass für Linke

Wir brauchen dringend wieder „Visionen von einer anderen Gesellschaft“, denn die kapitalistische Orientierung an Profit und Wachstum hat die Welt in eine umfassende Krise geführt. Und zu einer Gesellschaft, in der „selbst das Überleben als Privatsache marginalisiert“ wird. Ein neuer Gesellschaftsvertrag, vorab ein Geschlechtervertrag, muss allen die Beteiligung in allen wichtigen Bereichen des Lebens öffnen: „in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit um sich und andere, in der Entfaltung der in ihnen schlummernden Fähigkeiten, schliesslich im politisch-gesellschaftlichen Engagement“. Je vier Stunden könnten für diese vernünftige Utopie das Richtmass sein. Natürlich nicht dogmatisch, „mit der Stechuhr“, zumal die Felder einander durchdringen und innerlich zusammenhängen. „Die politische Kunst liegt in der Verknüpfung der vier Bereiche.“ Da unsere ganze Lebensweise zur Debatte steht, genügt dazu „die übliche Stellvertreterpolitik“ nicht. Das adressiert Frigga Haug als Mahnung auch an die neue deutsche Linkspartei. Ein bei der ersten Frauenwerkstatt gehaltenes Referat eröffnet den Band, der keine Wegbeschreibung sein will, aber dienlich als Kompass.

Die folgenden Analysen sind zum Teil älteren Datums. Einige davon waren als aktuell hintergründige Zeitkommentare im von der Autorin mitgeprägten „Argument“ zu lesen. Wie entlarvend etwa die Ausleuchtung des Menschenbildes eines Peter Hartz war, wie treffend die Beurteilung des inhaltlich dürftigen Schröder/Blair-Papiers als neoliberaler Abschied von der Sozialdemokratie, zeigt sich jetzt. Besonders stark wirken Passagen, die sich als eine Art politische Autobiographie durch das Buch ziehen. Sie begründen die mit der Erfahrung wachsende Einsicht, dass Feminismus und Sozialismus nur in konsequenter Verknüpfung zu befreienden Veränderungen führen können. Gerade das persönlichste Kapitel über Erlebnisse als „Patientin im neoliberalen Krankenhaus“ wird zu einer Systemanalyse, wie sie eindringlicher kaum sein könnte. Wenn die abweisend wirkende junge Frau, mit der beim Bettenmachen nur ein knapper Wortwechsel möglich war, am Abend noch einmal vorbeikommt, um ihre Wut und Verzweiflung loszuwerden, wird sie zur Zeugin für eine zuvor vielleicht theoretisch klingende Aussage, „dass in alledem, in Überforderung und Unterforderung, in Überarbeit und Arbeitslosigkeit, in Rastlosigkeit und Abwarten eine allgemeine tiefe Ungerechtigkeit herrscht“. Mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft und die Menschen in ihr.

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Michael Brie

2. Dezember 2008 Kommentare ausgeschaltet

Frigga Haugs Vier-in-einem-Perspektive eröffnet nicht nur einen Blick auf die Möglichkeiten einer Lebensgestaltung, die bewusst mit Pluralität umgeht und sie genauso emanzipatorisch wie solidarisch handhabt, sie kann auch mit einem neuartigen Entwurf einer anderen Wirtschaftsweise und Eigentumsstruktur verbunden werden. Dieser Entwurf entginge der überholten Dichotomie von Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft und würde erstens nach den unterschiedlichen Potentialen verschiedener Wirtschafts- und Eigentumsformen fragen. Er würde zweitens die Möglichkeiten ihrer solidarischen Verknüpfung untersuchen. In der Generalisierung einer Vier-in-einem-Perspektive können sich Horizonte einer Neubegründung des Sozialismus auftun. Mehr…